Semmig Friedrich Herman (Pseudonyme: Friedrich Schmidt, Ernst Naumann)
Publizist, Lehrer
* 23.6.1820 Döbeln 22.6.1897 Leipzig 25.6.1897 Leipzig
VJohann Gottfried, Sattlermeister, Ackerbürger in Döbeln1866 Adèle Martha, geb. Cornichon (1846-1873)TJeanne Berta (1867-1958); Adèle Amanda (* 1868); Arminia Marta (* 1873)
GND: 118847007





S. war ein sehr produktiver Publizist, der in den 1840er-Jahren dem „wahren Sozialismus“ (Friedrich Engels) zuneigte und sehr früh für die Rechte der Frauen eintrat. Als Emigrant in Frankreich setzte er sich für eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ein. – Nach dem Besuch der Landesschule Grimma, die er mit dem Abitur 1839 verließ, studierte er an der Universität Leipzig Theologie und Geschichte und wurde dort am 2.4.1845 promoviert. Schon als Student wegen burschenschaftlicher Aktivitäten verurteilt, gründete er 1848 in Leipzig den „Sozialistischen Verein“ und war Vorsitzender des „Demokratischen Vereins“. Während der Revolution von 1848 trat S. für die demokratische Staatsform ein und flüchtete nach dem Dresdner Maiaufstand 1849 im gleichen Wagen wie Richard Wagner nach Süddeutschland. Ab Juni 1849 lebte S. als politischer Flüchtling erst in Straßburg (frz. Strasbourg), dann in Nantes und Paris. 1854 wurde er Hilfslehrer am Collège in Quimper, 1858 nach Fürsprache von Jules Michelet Lehrbeauftragter für deutsche Sprache am staatlichen Gymnasium in Le Puy. 1860 bestand S. die Staatsprüfung für den französischen Schuldienst, 1865 die Agrégation für die Universitätslaufbahn (gemeinsam mit Alexander Büchner). 1860 bis 1862 war er Gymnasiallehrer in Chambéry, 1862 bis 1870 in Orléans. Während des Deutsch-Französischen Krieges musste er im Herbst 1870 als in Frankreich „unerwünschter“ Deutscher Orléans verlassen und flüchtete mit seiner Familie zurück nach Sachsen. Er unterrichtete bis 1877 Französisch an der Höheren Bürgerschule für Mädchen in Leipzig. – In den 1840er-Jahren publizierte S. zu politischen und sozialen Fragen, engagierte sich auch in der von Louise Otto begründeten „Frauen-Zeitung“. Seit seiner Emigration veröffentlichte S. Aufsätze v.a. zu den Themen Kultur und Literatur in Frankreich. Seine „Reisebilder“ wurden in viel gelesenen Zeitschriften wie dem „Deutschen Museum“, den „Unterhaltungen am häuslichen Herd“, dem „Morgenblatt für gebildete Leser“ oder dem „Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes“ abgedruckt. 1850 bis 1859 verfasste er das soziale Drama „Schloss und Fabrik oder Die schlesischen Weber“, das erst 1988 veröffentlicht wurde. Seit den 1870er-Jahren veröffentlichte er auch zahlreiche kulturgeschichtliche Bücher, die allerdings ohne großes Echo blieben.



Q  Stadtmuseum Döbeln, Nachlass Friedrich Herman S.; Stadtarchiv Leipzig, Vereinigtes Kriminalamt, Heinrich Windwart und Consorten; Archives Nationales Paris, F 17: Instruction publique, Personalakte (F 17/23087), Certificat d’aptitude 1860 (F 17/7082), Agrégations 1865 (F 17/7092), Unterricht in lebenden Sprachen (F 17/6899).

W  W Sächsische Zustände nebst Randglossen und Leuchtkugeln, Hamburg 1846; Sachsen! Was thut Noth und was thut Blum? Ein offenes Wort, Leipzig 1848; Handwerk bringt keinen goldenen Boden. Erlebnisse eines Handwerkers nebst einer Einleitung über die Stellung und Zukunft des Handwerkerstandes. Ein Mahnruf an den gesamten Handwerkerstand, Herisau 1849; Erinnerungen aus der Bretagne, in: Deutsches Museum 7/1857, Nr. 29, S. 81-94; Spaziergänge durch Paris, in: Morgenblatt für gebildete Leser 53/1859, S. 1046-1049; Quiberon. Eine Reiseskizze, in: Unterhaltungen am häuslichen Herd NF 4/1859, S. 326-331; Pariser Plaudereien, in: ebd. NF 5/1860, S. 233-237; Pariser Herbsttage, in: ebd. 3. Folge 1/1861, S. 92f., 112-114, 132-134, 153f., 173-175; Der deutsche Sprachunterricht in Frankreich, in: ebd. 3. Folge 1/1861, S. 968-972, 986-989; Geschichte der französischen Literatur im Mittelalter nebst ihren Beziehungen auf die Gegenwart, Leipzig 1862; Das deutsche Gespenst in Frankreich, in: Orion. Monatsschrift für Literatur und Kunst 1/1863, Bd. 2, S. 860-880, 943-959; Moderne Tristien. Epistola ex Ponto an Ovidius Naso, in: Deutsches Museum 14/1864, S. 504-511, 529-534; Deutsche Studien in Frankreich II: Die deutschen politischen Flüchtlinge. Der moderne Sprachunterricht auf den französischen Schulen, in: Magazin für die Literatur des Auslandes 75/1869, S. 523-526; Aus Frankreich Vertriebene, in: Neue Bahnen. Organ des Allgemeinen deutschen Frauenvereins 23/1870, S. 180f.; Das Kind. Tagebuch eines Vaters, Leipzig 1875, ²1876; Das Frauenherz, Leipzig 1879; Kultur- und Litteraturgeschichte der Französischen Schweiz und Savoyens, Zürich 1882, ²1884; Französisches Frauenleben. Ein Mosaikgemälde, Leipzig 1883; Eva’s Töchter bis auf Luthers Käthe. Sieben Kapitel aus der Geschichte der Weiblichkeit. Unterhaltungen für den häuslichen Herd, Jena/Leipzig 1884; Die Jungfrau von Orleans und ihre Zeitgenossen mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Gegenwart, Leipzig 1885, ²1887; Rhein, Rön und Loire. Cultur- und Landschaftsbilder diesseits und jenseits der Vogesen, Leipzig 1886; Czar, Empereur und Republik, oder Frankreich vor dem Richterstuhl des gesunden Menschenverstandes, Leipzig 1894; Friede! Der deutsch-französische Konflikt in unparteiischer Beleuchtung, Leipzig-Neustadt 1896; Schloß und Fabrik oder Die schlesischen Weber, hrsg. von Hans Adler, München 1988.

L  J. B. Semmig, Die Wege eines Deutschen. Ein Zeit- und Lebensbild, München 1921 (Bildquelle); Einleitung, in: Hermann S., Schloß und Fabrik oder Die schlesischen Weber, hrsg. von H. Adler, München 1988, S. 7-45; T. Lange, Vaterlandslos in zwei Nationen. Alexander Büchners Wege zwischen Deutschland und Frankreich, in: M. Gröbel u.a., „Fortschritt der Menschheit in der Entwicklung des Menschen“. Georg Büchners Geschwister in ihrem Jahrhundert, Darmstadt 2012, S. 412-541. – ADB 54, S. 314f.; W. Kühlmann (Hg.), Killy Literaturlexikon, Bd. 10, Berlin u.a. ²2011, S. 757f.



Thomas Lange
18.5.2015


Empfohlene Zitierweise:

Thomas Lange, Semmig, Friedrich Herman (Pseudonyme: Friedrich Schmidt, Ernst Naumann), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.9.2017)

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