Gröger Helmuth
Lehrer, Historiker, Museumsleiter, Archivar
* 9.12.1890 Altenberg 16.5.1957 Meißen

GND: 101078072


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G. erwarb sich v.a. Verdienste als Historiker, Museumsleiter und Archivar und trug wesentlich zur Popularisierung der Geschichtswissenschaft in Meißen bei. Es gelang ihm, die Situation der Museen und Archive Meißens, für die er arbeitete, spürbar zu verbessern und ihnen über die Grenzen der Stadt hinaus Geltung zu verschaffen. – G. besuchte das Gymnasium in Pirna und studierte ab etwa 1910 an der Universität Leipzig Geschichte, Kunstgeschichte und Sprachwissenschaft. Seinen Militärdienst leistete er 1915/16. Bis 1919 arbeitete er als Volontär in Dresdner Archiven sowie in Straßburg (frz. Strasbourg). Im März 1920 schloss er sein Studium mit der Staatsexamensarbeit „Der Humanitätsbegriff bei Pestalozzi und Fröbel“ ab und trat im April 1920 als Lehrer in den Schuldienst der Stadt Meißen ein. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied der SPD, später noch des Reichsbanners und der Eisernen Front. Am 19.6.1922 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Leipzig die Doktorwürde. 1923 wurde G. vom Rat der Stadt Meißen beauftragt, anlässlich der bevorstehenden Tausendjahrfeier der Stadt 1929 eine Chronik zu verfassen. Dafür wurde er vom Schuldienst freigestellt. 1928 trat er endgültig in den städtischen Verwaltungsdienst ein. Dies ermöglichte es ihm, fortan im Verein für Geschichte der Stadt Meißen wissenschaftlich und organisatorisch eine größere Rolle zu spielen. Am 22.11.1926 wurde er vom Geschichtsverein zum Vorsitzenden gewählt. G. engagierte sich zugleich für das Stadtgeschichtliche Museum, das der Meißner Geschichtsverein in der oberen Etage der ehemaligen Franziskanerkirche betrieb. Da jedoch der Zustand des Gebäudes in den 1920er-Jahren als allgemein unbefriedigend empfunden wurde, bemühte sich G. seit 1927 um die Verbesserung dieser Situation und um eine Trägerschaft des Museums durch den Rat der Stadt. Er entwarf dafür Ausstellungskonzeptionen, die 1932 bis 1934 verwirklicht wurden und die in ihren Grundzügen bis 1986 Gültigkeit behielten. – Am 18.4.1929 wurde G. vom Meißner Stadtrat zum Stadtarchivar berufen. Dieses Amt übte er bis zum 23.5.1946 aus. Seit 1931 unterstand ihm dann auch das inzwischen vom Rat der Stadt übernommene Stadtgeschichtliche Museum des Geschichtsvereins, welches durch sein Bemühen nicht nur weitere hauptamtliche Mitarbeiter erhielt, sondern nach einer völligen Umgestaltung am 28.7.1934 der Öffentlichkeit übergeben wurde. – Allerdings hatte G. im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten auch Einschnitte in seiner beruflichen Karriere zu verzeichnen: Im Oktober 1933 verlor er den Vorsitz des Meißner Geschichtsvereins an den Oberbürgermeister Walter Busch. Nach Lockerung der Mitglieder-Aufnahmesperre von 1937, nach der leitende Angestellte Mitglieder der NSDAP sein mussten, trat er auf Druck seines Dienstvorgesetzten, des Oberbürgermeisters und NSDAP-Kreisleiters Hans Drechsel, und nach Rücksprache mit illegalen KPD- und SPD-Mitgliedern am 1.12.1938 in die NSDAP ein, auch um in diesem Rahmen „mit Nachrichtenübermittlung der marxistischen Illegalität zu dienen“ (Stadtarchiv Meißen Gg). Ab etwa 1931 arbeitete er im Auftrag der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zwölf Jahre lang zu siedlungs-, flur- und wirtschaftsgeschichtlichen Fragen. Die Niederschrift dieser Ergebnisse, die vermutlich als Habilitationsschrift angelegt war, verbrannte im Dezember 1943 beim Bombenangriff auf Leipzig. Nach der Wiedergründung der SPD 1945 wurde er sofort wieder Mitglied und gehörte nach deren Vereinigung mit der KPD auch der SED an. – In der unmittelbaren Nachkriegszeit ordnete G. das Stiftungsvermächtnis seines am 7.5.1945 in den Freitod gegangenen Freundes, des Weinhändlers und kunstgeschichtlichen Sammlers Otto Horn. Wohl nicht zuletzt aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem Stiftungsverwalter zu Fragen der Münzsammlung von Horn wurde G. durch diesen wegen seiner Mitgliedschaft in NS-Organisationen denunziert. Eine Rolle spielte auch, dass G. als Besitzer eines Kfz außerdem seit 1937 Mitglied im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps gewesen war und dort eine leitende Funktion innegehabt hatte. Obgleich ihm 1945/46 vom Oberbürgermeister Alfred Mücke diese Mitgliedschaften als nominelle und er selbst als „unbelastet“ eingestuft wurde, blieb er angreifbar. Er wurde im April 1946 vom Innenministerium der UdSSR (NKWD) kurzzeitig ins Speziallager Torgau eingewiesen, um kurz darauf im Mai 1946 erneut beschuldigt, in ein sowjetisches Kriegsgefangenenlager gebracht zu werden. Auch die Entnazifizierung im Juli 1946 und das Zeugnis des Oberbürgermeisters Mücke, wonach G. polnischen Zwangsarbeitern geholfen und sich Anfang Mai 1945 für die kampflose Übergabe Meißens eingesetzt hatte, änderten daran nichts. – Mit erheblichen gesundheitlichen Schäden kehrte er 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück und kämpfte um seine Rehabilitation sowie um die Rückkehr auf seinen vorherigen Arbeitsplatz. Als Mitarbeiter des neuen Stadtarchivars Helmut Reibig arbeitete er seit 1948 wieder im Stadtarchiv, bevor er ab 1.5.1951 als Betriebsarchivar in der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen tätig war. Hier ordnete er das Betriebsarchiv nach modernen Gesichtspunkten und begann mit eigenen Forschungen. Außerdem gestaltete er die Ausstellung in der Schauhalle neu. – In dieser Zeit veröffentlichte er einige porzellangeschichtliche Publikationen. Für das 250-jährige Bestehen der Meißner Porzellanmanufaktur 1960 bereitete er eine umfangreiche betriebsgeschichtliche Monografie vor, deren Publikation vermutlich Höhepunkt und Ende seines Arbeitslebens dargestellt hätte. Er starb jedoch bereits 1957 an den Folgen eines Schlaganfalls. Sein großes Buchprojekt zur Geschichte des Meißner Porzellans wurde von Otto Walcha, G.s Nachfolger im Amt des Betriebsarchivars, fortgeführt. Unter Walchas Namen wurde es 1973 posthum von Reibig bearbeitet und veröffentlicht.



Q  Stadtarchiv Meißen, Gg, Kulturelle Einrichtungen, Haus der Heimat, 1909-1942, Rep. I/ Soz. K4, Personalakte von 1948; Auskunft Erhard Aé, Meltewitz bei Dahlen, 1990 (Gesprächsnotiz); Auskunft Helmut Reibig, 1998 (Gedächtnisprotokoll).

W  Die Herrschaften des östlichen Erzgebirges und ihre Beziehungen zur meißnisch-böhmischen Territorialpolitik der Wettiner im 13. und 14. Jahrhundert, Diss. Leipzig 1922; Meißen. Ein Beitrag zur Städtegeschichte der ostdeutschen Kolonisationszeit, in: Deutsche Siedlungsforschungen, Leipzig 1927, S. 236-266; Tausend Jahre Meißen, Meißen 1929; Der Niedergang des Meißner Handwerks im 17. und 18. Jahrhundert, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meißen 11/1928/1931, S. 251-269; Vom Armenversorgungsverein und Gerichtsamtsbezirk Meißen zum Krankenhaus- und Anstaltsverband Meißen, Meißen 1938; Schlösser und Burgen in Sachsen, Dresden 1940 (ND Frankfurt/Main 1980); Die Arbeits- und Sozialverhältnisse der Staatlichen Porzellanmanufaktur im 18. Jahrhundert, in: Forschungen aus Mitteldeutschen Archiven, hrsg. von der Staatlichen Archivverwaltung im Staatssekretariat für innere Angelegenheiten, Berlin 1953, S. 166-189; Johann Joachim Kändler. Der Meister des Porzellans, Dresden/Hanau 1956; Max Adolf Pfeiffer, Meißen und die neuzeitliche Keramik (Nachruf), in: Silikattechnik 8/1957, H. 6, S. 257f.; Öfen, Muffeln und Brennverfahren von Joh. Friedrich Böttger bis Joh. Gregorius Hoeroldt, 1710 bis 1731, in: ebd., H. 7, S. 275-279.

L  S. Förster, „Daß es der Erkenntnis kräftig dient.“ 12 Jahre Arbeit - ein Raub der Flammen, in: Die Union Meißen 45/1990, 285, 286, S. 16; M. Mields, Dr. Helmuth G. verstorben, in: Silikattechnik 8/1957, H. 8, S. 356; G. Steinecke, Unser Meißen 1929-2004, Nieschütz 2004; O. Walcha, Meißner Porzellan von den Anfängen bis zur Gegenwart, Dresden 1973. – DBA III.

P  A. Heckmann, um 1935, Fotografie, Privatbesitz S. Förster (Bildquelle).



Steffen Förster
26.5.2015


Empfohlene Zitierweise:

Steffen Förster, Gröger, Helmuth, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2017)

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