Baum Hans-Werner
Bibliothekar, Buchhändler
* 24.1.1922 Arnstein/Unterfranken 16.12.2006 Berlin Berlin-Friedrichshain, Georgen-Parochial-Friedhof
VJohannes, kaufmännischer AngestellterMMartha, Näherin 1.1943 Martha, geb. Göbel 2.1946 Annelies, geb. Reissig, Bibliothekarin, Leiterin Abteilung Bestandsbildung Stadt- und Bezirksbibliothek DresdenSTobias (* 1954)TMiriam (* 1947) 3.1958 Hanna, geb. Schneidewind, Bibliothekarin, stellvertretende Bibliotheksdirektorin der Humboldt-Universität Berlin
GND: 107429578


Verknüpfte Personen im Text:

B. war maßgeblich an der Einführung der Freihandausleihe in Dresden und der Entwicklung des bibliothekarischen Buchbesprechungsdiensts in der DDR beteiligt. – Nach dem Besuch des Gymnasiums absolvierte B. 1939 bis 1941 eine Buchhändlerlehre in der Adlerschen Buchhandlung in Dresden. Im November 1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und zum Panzergrenadier ausgebildet. Eine Einstufung als kriegsdienstuntauglich führte zum Stabseinsatz bis zur Entlassung im April 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann B. eine Tätigkeit in der wissenschaftlichen Stadtbibliothek Dresden, der Nachfolgerin der Dresdner Ratsbibliothek. 1946 trat B. der SPD bei und wurde, bedingt durch den Vereinigungsparteitag, SED-Mitglied. Im April 1946 wechselte er in die Städtischen Büchereien Dresden. Hier bekleidete er von Anfang an verantwortliche Positionen und wurde 1947 stellvertretender Dienststellenleiter. Nicht zuletzt aufgrund seiner hervorragenden Literaturkenntnisse spielte B. eine wichtige Rolle bei der nach dem Krieg erforderlichen Bereinigung der Bestände von nationalsozialistischen, rassistischen und militaristischen Schriften. Zugleich wurde er in eine beim Land Sachsen gebildete Kommission berufen, die sich mit dem Aufbau neuer Bibliotheksbestände beschäftigte. Aktiv war B. v.a. im Bereich der bibliothekarischen Aus- und Fortbildung. Fast sämtliche Schulungen für das Bibliothekspersonal, für Praktikanten und Lehrlinge in den Städtischen Büchereien lagen Anfang der 1950er-Jahre in seiner Verantwortung. Zeitweilig war er Vorsitzender des Prüfungsausschusses für Bibliothekstechniker. Ab 1953 unterrichtete er nebenberuflich an der Zentralen Schule für kulturelle Aufklärung in Glienicke/Nordbahn, die dem Zentralinstitut für Bibliothekswesen unterstand. Nach der „Republikflucht“ des erst 1951 eingestellten Dienststellenleiters Johannes Naumann wurde B. 1952 für einige Monate kommissarischer Leiter der Städtischen Büchereien Dresden. Anschließend war er Stellvertreter von Naumanns Nachfolger Helmut Hahnewald. B. verantwortete die Personalentwicklung und den Bestandsaufbau. 1956 begann bei der Stadt- und Bezirksbibliothek Dresden der Umstieg auf Freihandaufstellung. Am vorher entwickelten Konzept und an der Propagierung gegenüber einer skeptischen Öffentlichkeit war B. aktiv beteiligt. 1955 trat er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralinstitut für Bibliothekswesen in Berlin an. Er wurde für die Abteilung Bestandsaufbau eingestellt, die staatliche Allgemeinbibliotheken der DDR bei der Bestandsauswahl fachlich und ideologisch beraten sollte. B. hatte hier eine schwierige Gratwanderung zu leisten. Die Leitung des Zentralinstituts vertrat uneingeschränkt die offizielle DDR-Kulturpolitik. B. durfte keinen Zweifel an seiner Linientreue aufkommen lassen, wollte und konnte aber auch seine Urteilskraft in Bezug auf literarische Qualität einbringen. Die heute schwerfällig und pädagogisch wirkenden Artikel in der Fachpresse zur Beurteilung von Literatur (1957-1959) zeugen von der Spannung, der B. ausgesetzt war. Sein zentrales berufliches Thema stellten zu dieser Zeit die Hilfsmittel für den Bestandsaufbau dar, v.a. der 1956 eingeführte „Vorankündigungsdienst für die allgemeinbildenden Bibliotheken“, für den die DDR-Verlagsproduktionen auf ihre Relevanz für Allgemeinbibliotheken geprüft, die geeigneten Titel ausgewählt, besprochen und mit Empfehlungen versehen wurden. B. war an der Herausgabe, der Gestaltung sowie inhaltlichen Korrekturen maßgeblich beteiligt und schrieb eine Vielzahl von Besprechungen selbst. An der Vorbereitung und Durchführung der beiden zentralen theoretischen Konferenzen zu Fragen der Ausleihe 1956 („Freihandkonferenz“) und zum Bestandsaufbau 1958 („Altenberger Konferenz“) wirkte er aktiv mit. Als ein Kollege am Zentralinstitut wegen versuchter „Republikflucht“ 1960 eine Haftstrafe erhielt, besprach B. das Thema mit Westberliner Kollegen und wurde denunziert. Man verhaftete ihn im Oktober 1960. Nun wurde ihm auch seine Leidenschaft für Bücher zum Verhängnis. B. war ein passionierter Büchersammler, der es immer wieder riskierte, verbotene Bücher über die Berliner Zonengrenze zu bringen. Günter de Bruyn, über Jahre hinweg Kollege B.s am Zentralinstitut, beschreibt die Vorgänge in seinem Lebensbericht „40 Jahre“. Gegen B. wurde ein Schauprozess veranstaltet, wobei er sich dem Vorwurf einer faschistischen Gesinnung und eines sozialismus- bzw. friedensfeindlichen Handelns ausgesetzt sah. Das Bezirksgericht Potsdam verurteilte ihn am 18.5.1961 wegen „staatsgefährdender Hetze“ und „Vergehen gegen das Handelsschutzgesetz“ (illegale Einfuhr von Büchern) zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis. Dieses Urteil wurde 1993 auf Antrag B.s als rechtsstaatswidrig aufgehoben. Fünf Monate verbrachte er in Einzelhaft ohne Schreib- und Leseerlaubnis in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. Im Haftarbeitslager Schwarze Pumpe zog er sich durch einen Arbeitsunfall eine Augenverletzung zu. Sofort nach seiner Verhaftung hatte man B. am Zentralinstitut für Bibliothekswesen gekündigt. Nach der Haftentlassung arbeitete er zunächst in Teilzeit an der Stadtbezirksbibliothek Berlin-Köpenick, dann in der Katalogabteilung der Berliner Stadtbibliothek. Schließlich fand er in der Öffentlichkeits- und Veranstaltungsarbeit der Berliner Stadtbibliothek eine neue, seinen Fähigkeiten und Neigungen in hohem Maße entgegenkommende Aufgabe. Er führte über 20 Jahre exemplarisch vor, was professionelle Veranstaltungsarbeit einer öffentlichen Bibliothek für das kulturelle Leben einer Stadt zu leisten vermag. Dabei knüpfte B. Partnerschaften, integrierte v.a. audiovisuelle Medien, experimentierte mit neuen und ungewöhnlichen Veranstaltungsformen. Er beschränkte sich nicht auf Literatur, sondern weitete das inhaltliche Spektrum auf natur- und gesellschaftswissenschaftliche Themen aus. Neben populären, oft langfristigen Veranstaltungsreihen (170 bis 190 Vorträge mit 20.000 bis 25.000 Besuchern jährlich) organisierte B. mit seinen Mitarbeitern ca. 15 Ausstellungen pro Jahr und bot eigene musikalisch-literarische Programme an. – Für seine Arbeit wurde B. mit der Johannes-R.-Becher-Medaille in Bronze (1970) und Silber (1975) ausgezeichnet. 1976 verlieh ihm die Fachschule für wissenschaftliche Information und wissenschaftliches Bibliothekswesen das Recht, die Berufsbezeichnung „Bibliothekar“ zu führen. 1982 erlitt er einen gesundheitlichen Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr vollständig erholte, sodass er 1984 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde. Dessen ungeachtet übernahm er noch fast bis zu seinem 70. Geburtstag in Teilzeitbeschäftigung kleinere Aufgaben in der Berliner Stadtbibliothek.



Q  H. Baum, Hans-Werner B. Lebenslauf, [Ms.] 2007, Privatbesitz; Städtische Bibliotheken Dresden, Bibliotheksarchiv.

W  Bestandsaufbau und Buchversorgung in Bibliotheken, in: Der Bibliothekar 11/1957, S. 544-548; Den Bibliotheken zur Anschaffung nicht zu empfehlen ..., in: ebd. 11/1957, S. 802-808; Johannes R. Becher. Dichter der Nation, des Friedens und des Sozialismus 1891-1958, Berlin 1956, ²1966; (Bearb.), USA im Spiegel der Literatur, Leipzig 1957; Die sozialistische Entwicklung auf dem Lande im Spiegel der erzählenden Literatur. Schulungsheft der nebenberuflichen Bibliotheksleiter der DDR, Berlin/Leipzig 1959; Hilfsmittel und Methoden des Bestandsaufbaus, in: Der Bibliothekar 13/1959, S. 321-336; Arnold Zweig. Leben u. Werk, Berlin 1967; mit H. Weise, Kulturbund der DDR 30 Jahre. Auswahlverzeichnis, Berlin 1975.

L  G. de Bruyn, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht, Frankfurt/Main 1996, S. 80-86.

P  Hans-Werner B., Fotografie, Städtische Bibliotheken Dresden (Bildquelle).



Roman Rabe
22.3.2011


Empfohlene Zitierweise:

Roman Rabe, Baum, Hans-Werner, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.5.2017)

Wikipedia Link