Stejskal Johannes Gottfried
Filmproduzent, Regiekameramann
* 14.2.1924 Meißen 25.10.1991 Meißen Meißen(ev.)
VGeorg (1894-1965), Organist, Kantor, Kreis-Chormeister in MeißenMMagdalena, geb. Brückner (1892-1984)Marianne (* 1929)T2
GND: 141047399

Mit seinem „Film-Kollektiv Dresden“ gehörte S. zu den wenigen privaten, mit Einzellizenz arbeitenden gewerblichen Filmherstellern in der DDR. Das „Film-Kollektiv Dresden“, das über mehr als drei Jahrzehnte existierte, stand im Schatten der großen staatlichen Produzenten Deutsche Film AG (DEFA) und Deutscher Fernsehfunk (DFF) und schuf eine für seine Größe beachtliche Menge an Dokumentar- und Werbefilmen. – Nach einer Ausbildung an der Fotofachschule Dresden wurde S. zur Wehrmacht einberufen und sammelte im Zweiten Weltkrieg als Frontkameramann erste praktische Erfahrungen mit dem Medium Film. 1949 kehrte er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Dresden zurück und war anschließend bis 1958 in der Forschungsabteilung des VEB Zeiss Ikon Dresden beschäftigt. Federführend war er hier an der Konstruktion des Zoomobjektivs „Pentovar“ für die 16-mm-Kamera „AK 16“ (1956/57) und an der Veredelung der „AK 16“ zur Spiegelreflexkamera „Pentaflex 16“ beteiligt. Ab Anfang 1954 drehte S. nebenberuflich mit semiprofessioneller 16-mm-Technik dokumentarische Filme, z.B. ein Ortsporträt von Oberlichtenau und 1955 bis 1957 einen längeren Stadtfilm über Meißen. 1959 bis 1961 war S. beim DFF angestellt und gestaltete u.a. Markenspots für die neu eingerichtete TV-Werbereihe „Notizen für den Einkauf“ bzw. „Tausend Tele-Tips“. Für aufwendige Trickpassagen nutzte er das Equipment der Filmtechnischen Anstalt W. Schmidt Dresden. Die Produkt- bzw. Städtewerbung blieb zunächst das wichtigste Standbein seiner Firma „Film-Kollektiv Dresden“, die seit 1961 mit Einzellizenz als privater Filmhersteller zugelassen war. Als hilfreich erwiesen sich dabei S.s Beziehungen zum Fernsehen. Der DFF stellte z.B. nicht nur ausgesonderte Technik zur Verfügung, er bedachte das Studio auch weiterhin mit Aufträgen und sicherte so dessen Existenz. 1961 bis 1968 nutzte S. die Gaststätte „Königs Weinberg“ in Dresden-Wachwitz als Atelier. Während der Anteil an Kurzfilmen schnell zurückging, pendelte sich das jährliche Herstellungsvolumen bei drei bis vier längeren werbenden Informationsfilmen ein. Herausragende Produktionen dieser Jahre waren ein Dreiteiler über Kunst und Kultur in Thüringen („Thüringer Impressionen“, 1963/64), ein Porträt des Dresdner Kreuzchors („Kruzianer“, 1964) sowie Farbfilme über Dresden („Auferstehung“, 1965) und Meißen („Vieux Saxe de Meissen“, 1966). Diese Bestellungen der internationalen Redaktion des DFF wurden zum Teil in drei Sprachfassungen ausgeliefert. Sie sollten im westlichen Ausland für einen Besuch in der DDR werben. Gerade bei solchen Exportfilmen kamen der politisch neutrale Stil und die private Urheberschaft dem Zweck des Films entgegen. S. konnte zudem sehr effizient arbeiten und das Preisniveau der DEFA unterbieten. Er agierte meist in Personalunion von Buch, Kamera, Regie und verpflichtete zeitweise freiberufliche Mitarbeiter, so in den 1960er-Jahren den Grafiker Rudolf Wara und den Kameramann Dieter Waurich, in den 1970er-Jahren den Drehbuchautor Hans Sambale und 1971 bis 1990 Günter Schreiber für die Kamera. Der Name „Film-Kollektiv Dresden“ bezeichnete somit eher einen Ein-Mann-Betrieb, den S. mit kaufmännischer Hilfe seiner Frau als Familienunternehmen führte. Auch die evangelische Kirche wurde auf das Studio aufmerksam: zum 450. Jahrestag der Reformation drehte S. eine Rückschau über den Aufenthalt Martin Luthers auf der Wartburg („300 Tage Einsamkeit“, 1967) und im selben Jahr einen Bericht über die Riemenschneider-Altäre in Bibra. 1968 erwarb S. in Meißen ein bebautes Grundstück und errichtete neben dem Wohnhaus ein kleines einstöckiges Studiogebäude, in dem neben einem Atelier mit Vorführmöglichkeit auch Räume für die Bild- und Tonbearbeitung integriert wurden. Der Betrieb konnte mit diesen erweiterten Kapazitäten 35-mm- oder 16-mm-Tonfilme von der Konzeption bis zur Endfertigung realisieren, nur Filmentwicklung und -kopierung erfolgten extern. In den 1970er-Jahren verschob sich das Kundenprofil vom Fernsehen hin zur Wirtschaft und zu Institutionen des Gesundheitswesens. Auch diese Auftraggeber schätzten an S. die relativ kostengünstige, sowie die pünktliche und solide Produktion. Dem Werbeziel der Industrie im Ausland gemäß, wurden die vom „Film-Kollektiv Dresden“ hergestellten Informationsfilme meist frei von ideologischen Statements gehalten. Für den Hersteller und Exporteur von Druckmaschinen, die Planeta-Werke Radebeul, fertigte S. in den 1970er-Jahren mindestens vier Messe- und Industriefilme. Als das Hygienemuseum Dresden die Aufklärung über das bewegte Bild intensivierte, profitierte davon auch das „Film-Kollektiv Dresden“ und steuerte mindestens 15 Kurzfilme zu den Themen Rauchen, Alkohol, Medikamentenmissbrauch sowie Schlafstörungen bei. 1975 bis 1977 folgten zwei bemerkenswerte Annäherungen an das Leben körperlich und geistig Behinderter (z.B. „Humanität im Examen“, 1974/75). – Nachdem schon seit 1970 neue Privatstudios nicht mehr genehmigt worden waren, wurden 1975 die ca. 15 privaten Filmhersteller der DDR in der „Kooperationsgemeinschaft Film“ organisiert. Hierdurch ergaben sich für S. kaum Hindernisse, zumal er keine oppositionelle Rolle einnahm, die DDR-Verhältnisse akzeptierte und sich ganz mit seiner sächsischen Heimat verwurzelt fühlte. Allerdings kamen neue bürokratische Vorgänge hinzu: z.B. musste er alle zwei Jahre seine Lizenz erneuern lassen. Filmprojekte verwirklichte S. in den 1980er-Jahren v.a. für das Volkseigene Gut Memleben im Unstruttal („Zeitenläufe“, ein Film über Thomas Müntzer zum 500. Geburtstag, 1988/89) und das Amt für Industrielle Formgestaltung („Designing for the industry: Bauhaus Dessau“, 1985). Als letztes Filmvorhaben beschäftigte S. die Schlacht auf den Seelower Höhen („Requiem für Millionen“), das er mit Hilfe einer seiner Töchter 1991 fertigstellte. – Für seine Werke wurde S. mehrfach ausgezeichnet. 1975 erhielt er für seinen Film „Humanität im Examen“ den zweiten Preis auf dem Internationalen Filmfestival des Roten Kreuzes in Warna (Bulgarien), 1985 wurde sein Film „Designing for the industry: Bauhaus Dessau“ mit dem Spezialpreis auf dem 10. Internationalen Festival technischer Filme in Budapest ausgezeichnet.



Q  Filmmuseum Potsdam, Nachlass S., Firmennachlass Film-Kollektiv Dresden; Zeitzeugengespräch mit Marianne S., 27.9.2004.

W  Filme: Ortsfilm Oberlichtenau, 1954 (Kamera); Meißen, ein Film von unserer Stadt, 1955-1957 (Buch, Kamera, Regie); Kruzianer, 1964 (Kamera, Regie); Auferstehung, 1965 (Kamera, Regie); Thüringer Impressionen (3 Teile: Zwischen Saale und Werra, Begegnung mit Goethe, Franz Liszt), 1965 (Kamera, Regie); Vieux de Saxe de Meissen, 1966 (Kamera, Regie); Martin Luther, 1967 (Buch, Kamera, Regie); Die Altäre in Bibra von Tilman Riemenschneider, 1967 (Buch, Kamera, Regie); Humanität im Examen, 1974/75 (Buch, Kamera, Regie); Verpflichtung, 1976/77 (Buch, Kamera, Regie); Im Tal der Könige, 1983 (Kamera, Regie); Designing for the industry: Bauhaus Dessau, 1985 (Kamera, Regie); Memleben, 1989 (Buch, Kamera, Regie); Zeitenläufe, 1989 (Buch, Kamera, Regie); Requiem für Millionen, 1989-91 (Kamera, Regie). Schriften: Das Pentovar 16, in: Bild und Ton 10/1957, S. 275f.

L  Mit der Kamera bei Martin Luther, in: Neue Zeit 29.4.1967 (P); K. Hirsch, Frei und doch nicht frei, in: Dresdner Hefte 82/2005, S. 62f. (P); R. Forster/V. Petzold, Im Schatten der DEFA, Konstanz 2010.



Ralf Forster
2.11.2011


Empfohlene Zitierweise:

Ralf Forster, Stejskal, Johannes Gottfried, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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