Gerung
Abt des Klosters Bosau, Bischof von Meißen
20.11.1170 Augustiner-Chorherrenstift Petersberg bei Halle Dom zu Meißen

GND: 13697256X

In den 40er-Jahren des 12. Jahrhunderts war die Abtsfolge im Kloster Bosau bei Naumburg undurchsichtig. Bischof Dietrich von Naumburg, der das Kloster zwischen 1118 und 1121 gründete, legte 1121 in einer Urkunde fest, dass die Mönche des Bosauer Konvents nach der Regel des hl. Benedikt in der reformierten Hirsauer Ausprägung leben sollten. Der erste Abt dieses Klosters, Ekkebert, war Hirsauer. Ob G., der 1140 Abt wurde, ebenfalls aus Hirsau kam, ist ungewiss. Ebenso wissen wir nichts über sein Geburtsdatum, seine familiäre und soziale Herkunft. Laut Quellenüberlieferung gehörte er als Abt und später als Bischof von Meißen zu den Kirchenmännern, die sich nicht nur um das Seelenheil ihrer Gemeinden sorgten, sondern auch die Besiedlung und den Landesausbau ihrer Diözesen vorantrieben. Das Kloster Bosau griff während G.s Abbatiat v.a. in den Pleißen- und Geragau aus. So erhielt das Kloster 1146 den Novalzehnten im Gau Plisna, den Zehnten im Gau Gera und andere Zuwendungen. G. mag dabei möglicherweise von der Kirchenpolitik Bischofs Wichmann von Naumburg, der um 1152 Erzbischof von Magdeburg wurde, partizipiert haben. Sowohl von Wichmann als auch vom Magdeburger Erzbischof Konrad ließ sich G. 1151 die Bosauer Besitzungen und Rechte in den genannten Gebieten sowie um Naumburg und Zwickau bestätigen. 1153/54 stieg G. zum Bischof von Meißen auf, wobei sich die Weihe wohl durch die Abwesenheit des nunmehrigen Erzbischofs Wichmann – er weilte bis dahin in Rom – um einige Zeit verzögerte, was die Bestimmung der genauen Amtsdaten schwierig macht. Die Wahl G.s zum Bischof von Meißen erwies sich als förderlich für das Bistum. Er engagierte sich vorrangig für seine Diözese und vermied es, seine Kraft und die materiellen Mittel seines Sprengels im aufwändigen Reichsdienst zu verzehren. Wenn es gegeben schien, versuchte der Bischof die Interessen seiner Diözese auch gegen die politischen Ambitionen des staufischen Herrschers zu schützen. So bestätigte er gleich zweimal (1159 und 1161) die Besitzungen des Klosters Chemnitz und nahm sie unter seinen Schutz, um sie gegenüber der im Entstehen begriffenen königlichen Stadt Chemnitz zu sichern. Besondere Verdienste erwarb sich G. beim Landesausbau. Dabei konnte er sicherlich auf Erfahrungen im Umfeld von Naumburg zurückgreifen, wo um 1145 flämische Siedler saßen. 1154 hat er Einwanderern aus Flandern das Dorf Kühren bei Wurzen zugewiesen und ihre Besitzrechte festgelegt. In dieser Urkunde, die ein zentrales Dokument der Ostsiedlung darstellt, werden typische Formen der Ansiedlung im östlichen Kolonialgebiet sichtbar. Bereits in der Arenga dieser Urkunde tritt das Amtsverständnis von G. hervor. Demnach musste sich ein guter Geistlicher nicht nur um das geistliche und ewige Wohl seiner „Herde“ kümmern, sondern auch um das leibliche und irdische Wohlergehen. In diesem Sinn legte G. in dem auf 1154 datierten Dokument ganz pragmatisch die finanzielle und materielle Ausstattung der Siedlung Kühren fest, traf Bestimmungen über den Schultheiß, legte die Höhe des Grundzinses fest, bestimmte den Zehnten und die Anzahl von Gerichtstagen und die damit verbundenen finanziellen Belastungen. Er befreite vom Zoll und von bestimmten Abgaben und erließ schließlich Festlegungen über den Verkauf von Produkten der Dorfbewohner untereinander und unterband das Abhalten eines öffentlichen Marktes. – G. wird weiterhin als Gründer von Geringswalde vermutet. Darüber hinaus hat G. auch Angehörige seines Domkapitels zu Siedlungsaktivitäten ermuntert. Die Genehmigung für den Domherrn Anselm, Siedlern Rodeland bei Eilenburg zur landwirtschaftlichen Nutzung zu übergeben, ist ein gutes Beispiel dafür. Auch als Bischof scheint G. noch Verbindungen zu seinem Kloster Bosau gehalten zu haben. 1168 war er zusammen mit dem Bischof Udo von Naumburg, dem Eigenkirchenherrn von Bosau, daran beteiligt, das heruntergekommene Kloster Riesa dem Bosauer Konvent zu inkorporieren und eine Besserung der Zustände herbeizuführen. Neben Riesa hatte G. auch Anteil an der Gründung und dem Werdegang der Klöster Altzelle und Zschillen (Wechselburg). Aufgrund seiner Hirsauer Kontakte dürfte dem Bischof der Kirchendienst, wie Predigt, Taufe, Dienst für die Kranken, Beichte und Seelsorge, besonders am Herzen gelegen haben. So sollten in der Meißner Kathedralkirche nach einer Verfügung G.s von 1160 v.a. vier Heiligenfeste feierlich begangen werden: des hl. Johannes ante portam Latinam (6.5.), der hl. Maria Magdalena (22.7.), des hl. Dionysus und seiner Gefährten, Eleutherius und Rusticus (9.10.), und des hl. Papstes Gregor (12.3.). Besondere Förderung erfuhr auch der Meißner Bistumsheilige Donatus. Darüber hinaus lassen sich Beziehungen zu den Vögten von Weida und dem pleißenländischen Adel erkennen. Zwischen 1160 und 1170 soll G. die St.-Vitus Kirche bei Weida geweiht haben. Die Kontakte zu den frühen Vögten mögen bereits in seiner Zeit als Abt von Bosau entstanden sein. Nicht unwesentlich erscheint es, dass der Meißner Bischof neben der Betreuung der aus dem Altsiedelland zugezogenen Christen außerdem die im Bistum wohl zahlreich ansässigen nichtchristlichen Slawen bekehren sollte. Die Assimilation von Neusiedlern und einheimischen Slawen dürfte nicht ohne Probleme vonstatten gegangen sein. – Als G. 1170 im Augustiner-Chorherrenstift auf dem Petersberg bei Halle weilte, erkrankte er und starb wenig später im dortigen Hospital. Die Chronik des Petersklosters weiß zu berichten, dass G. das Stift freigiebig beschenkt hatte. Der Chemnitzer Nekrolog verzeichnete seinen Todestag am 20.11. Auch in Magdeburg, Erfurt und Pöhlde wurde sein Tod registriert. Vom Bischof ist eine Siegeldarstellung erhalten. Der Bischof sitzt barhäuptig auf dem Bischofsstuhl, den Hirtenstab in der rechten Hand und in der linken ein aufgeschlagenes Buch. Sein Antlitz wirkt langgezogen mit schmalem Mund und einer kräftigen langen Nase. Der Nachfolger im Bischofsamt, Martin, zollte G. nach seinem Tod besondere Wertschätzung, indem er in Urkunden seines Seelenheils gedachte.



Q  Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, II. Hauptteil, Bd. 1: Urkundenbuch des Hochstifts Meißen, Teil 1, hrsg. von E. G. Gersdorf, Leipzig 1864 (Bildquelle); Monumenta Germaniae Historica, Scriptores, Bd. 23, Chronicon Montis Sereni, hrsg. von E. Ehrenfeuchter, Hannover 1874, S. 130-230; Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, II. Hauptteil, Bd. 6: Necrologium des Benediktinerklosters zu Chemnitz, in: Urkundenbuch der Stadt Chemnitz und ihrer Klöster, hrsg. von H. Ermisch, Leipzig 1879; Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, I. Hauptteil, Bd. 2: Urkunden der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen, 1100-1195, hrsg. von O. Posse, Leipzig 1889; Urkundenbuch des Hochstifts Naumburg, Teil 1, 967-1207, bearb. von F. Rosenfeld, Magdeburg 1925; Urkunden und erzählende Quellen zur deutschen Ostsiedlung im Mittelalter, hrsg. von H. Helbig/L. Weinrich, 1. Teil, Darmstadt 1968; Monumenta Germaniae Historica, Diplomata, Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser, Bd. 9: Die Urkunden Konrads III. und seines Sohnes Heinrich, bearb. von F. Hausmann, Wien 1969 (ND München 1987); Monumenta Germaniae Historica, Diplomata, Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser, Bd. 10,1-10,5: Die Urkunden Friedrichs I., bearb. von H. Appelt, Hannover 1975-1990.

L  W. Schlesinger, Die Anfänge der Stadt Chemnitz und anderer mitteldeutscher Städte, Weimar 1952; A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. 4, Berlin/Leipzig 61953; W. Rittenbach/S. Seifert, Geschichte der Bischöfe von Meissen (968-1581), Leipzig 1966; C. Borgolte, Studien zur Klosterreform in Sachsen im Hochmittelalter, Diss. Braunschweig 1976; W. Schlesinger, Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter, Bd. 2, Köln/Wien 21983; E. Eichler/H. Walther, Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, Bd. 1, Berlin 2001, S. 302.



Peter Neumeister
23.3.2005


Empfohlene Zitierweise:

Peter Neumeister, Gerung, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.6.2017)

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