Heermann Georg (George, Johann Georg)
Architekt, Bildhauer, Bildschnitzer
* 1645/46 Weigmannsdorf 1700/01 Dresden
GZacharias († 1686)1693 Johanna Eleonore, geb. HeigiusKmind. 3
GND: 128067802





Wenngleich die Werke H.s heute nicht mehr sehr zahlreich sind, so ist ihm doch eine bedeutende Rolle als Vermittler der römischen Barockkunst nach Sachsen, Böhmen und in die Oberlausitz zuzusprechen. – Vermutlich erhielt H. seine Ausbildung zum Bildhauer in der Werkstatt von Johann Böhme in Schneeberg sowie in Dresden. Nach eigener Aussage soll er sich für etwa zehn Jahre in Rom und Venedig (ital. Venezia) aufgehalten haben. Tatsächlich ist er in den Jahren 1673 bis 1678 als Anwohner im Bereich der Pfarrkirche Sant’Andrea delle Fratte in Rom nachweisbar. Auch in seinen späteren Werken lässt sich der römische Einfluss, v.a. seine Kenntnis der Werke Giovanni Lorenzo Berninis, Francesco Borrominis und Bartolomeo Ammanatis, nachweisen. Nach seiner Rückkehr nach Dresden entstand als H.s frühestes belegtes Werk zwischen 1679 und 1683 der vierteilige Figurenzyklus des „Paris-Urteils“ für die Fassade vom Palais im Großen Garten. Diese Figuren wurden wenig später bereits von Stuckateuren der Bildhauerfamilie Soldati im Saal des nordwestböhmischen Schlosses Rothenhaus (tschech. Červený Hrádek u Jirkova) wiederholt. H. war zu diesem Zeitpunkt selbst bereits in Böhmen tätig. Für Wenzel Adalbert von Sternberg schuf er zwischen 1685 und 1700/01 die Skulpturen der Freitreppenanlage des nach einem Entwurf von Jean Baptiste Mathey errichteten Lustschlosses Troja bei Prag. Gemeinsam mit seinen Neffen Paul und Zacharias erstellte H. ein umfangreiches Programm, das den Sturz der Giganten aus dem Olymp (Gigantomachie) als politische Allegorie darstellt. Diese Figuren zählen zu den herausragenden Werken der Barockplastik des ausgehenden 17. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Ob von H. auch der architektonische Entwurf für die Treppe stammt, ist unsicher. Ab 1689 arbeitete er an einem heute nur noch durch eine Zeichnung dokumentierten Altarbildrahmen für die St. Wenzel-Kirche auf der Prager Kleinseite. Im gleichen Jahr stellte er seinem Neffen Zacharias den Lehrbrief über dessen achtjährige Ausbildung zum Bildhauer aus, in dem sich H. selbst als „Hoffebildthauer in Dresden“ bezeichnete. Er scheint sich zu dieser Zeit abwechselnd in Dresden und in Prag, wo zwischen 1697 und 1700 drei seiner Kinder getauft wurden, aufgehalten zu haben. Noch während der Arbeiten an der Treppe von Schloss Troja war H. bereits auch in Görlitz tätig. Dort schuf er 1686 einen neuen Orgelprospekt für die Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul, der jedoch beim Brand von 1691 wieder verloren ging. Zwischen 1692 und 1695 führte er den neuen Hochaltar der wiederhergestellten Görlitzer Stadtkirche aus, den er mit „George Heermann, Architekt und Bildhauer in Dresden“ signierte. Der vom römischen Barock inspirierte Aufbau des Altars weist H. entsprechend auch als versierten Meister der Architektur aus. Dies zeigte sich ebenso in seiner Tätigkeit in der sächsischen Residenzstadt. So schlug er bereits 1683 dem Dresdner Rat einen Neubau der Frauenkirche als Pendant zur Kreuzkirche vor. Um 1700 schuf er vermutlich die Kanzel für die Pfarrkirche von Linz bei Großenhain, von der vier Evangelistenfiguren erhalten blieben. Zugeschrieben wird H. ferner das wohl um 1695 bis 1698 entstandene Grabmal für den sächsischen Feldmarschall Hans Adam von Schöning und dessen Gemahlin Johanna Margarethe Luise, geb. von Pöllnitz, in der Schlosskirche zu Tamsel (poln. Dąbroszyn) bei Küstrin (poln. Kostrzyn).



W  Figuren des „Paris-Urteils“ an der Fassade des Palais’ im Großen Garten in Dresden, 1679-1683, Sandstein; Figuren der „Gigantomachie“ an der Freitreppe des Lustschlosses Troja in Prag, 1685-1700/01, Sandstein (gemeinsam mit Paul und Zacharias Heermann); Orgelprospekt der Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz, 1686, Holz (1691 verbrannt); Rahmen für ein Altarbild der St. Wenzel-Kirche in Prag, 1689-1692, Holz (verschollen); Altar der Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz, um 1692-1695, Holz, Stuckmarmor; Epitaph für Hans Adam von Schöning, Tamsel (poln. Dąbroszyn), um 1695-1698, Marmor; Kanzelfiguren der vier Evangelisten in der Pfarrkirche zu Linz bei Großenhain (Zuschreibung), um 1700, Holz.

L  A. Podlaha/E. Šittler, Topographie der historischen und Kunst-Denkmale im politischen Bezirke Karolinenthal, Prag 1903, S. 336; J. J. Morper, Zur Gartentreppe von Schloß Troja bei Prag, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Künste NF 4/1927, S. 344-346; M. Korecký, G. & P. Heermann, Prag 1948; O. J. Blažíček, Sochařství baroku v Čechách [Barockbildhauerei in Böhmen], Prag 1958, S. 92-94; S. Asche, Drei Bildhauerfamilien an der Elbe, Wien/Wiesbaden 1961, S. 81-94, 158-161, 192-197 (WV); E. Bachmann, Plastik, in: K. M. Swoboda (Hg.), Barock in Böhmen, München 1964, S. 125-164; O. J. Blažíček, Barockkunst in Böhmen, Prag 1967 (Übersetzung aus dem Tschechischen), S. 63; H. Smetáčková, Zahradní schodiště vily Tróje v Praze a jeho výzdoba [Die Gartentreppe der Villa Troja bei Prag und ihre Dekoration], in Umění 16/1968, S. 515-526; J. Neumann, Das böhmische Barock, Prag 1970 (Übersetzung aus dem Tschechischen), S. 151f.; O. J. Blažíček, Barokní sochařství 17. století v Čechách [Barockbildhauerei des 17. Jahrhunderts in Böhmen], in: J. Dvorský (Hg.), Děijny českého výtvarného umění [Geschichte der tschechischen bildenden Kunst], Bd. 2.1, Prag 1989, S. 293-323; B. Bechter/W. Fastenrath u.a., Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen I., München/Berlin 1996, S. 164, 374; P. Preiss/M. Horyna/P. Zahradník, Zámek Troja u Prahy [Das Schloss Troja bei Prag], Prag/Litomyšl 2000, S. 131-138; E. D. Schmidt, Paul Heermann (1673-1732). Meister der Barockskulptur in Böhmen und Sachsen. Neue Aspekte seines Schaffens, München 2005; S. Bürger/M. Winzeler, Die Stadtkirche St. Peter und Paul in Görlitz, Dößel 2006, S. 106f., 114-117, 119-124; K. Adamcová, Barokní architektura a sochařství [Barocke Architektur und Bildhauerkunst], in: P. Macek/R. Biegel/J. Bachtík (Hg.) Barokní architektura v Čechách [Barockarchitektur in Böhmen], Prag 2015, S. 613-635; M. Krummholz, Barokní architektura a štukatura, in: ebd., S. 637-651; ders., „Looking for an artist. Experience from Rome required!” Troja Chateau and Central European architecture in the last third of seventeenth century, in: Studia Wilanowskie 22/2015, S. 121-133. – AKL, Bd. 71, Berlin/Boston 2011, S. 47; DBA II, III; DBE 4, S. 476; NDB 8, S. 197; Thieme-Becker, Bd. 16, Leipzig 1923, S. 234.



Kai Wenzel
5.2.2019


Empfohlene Zitierweise:

Kai Wenzel, Heermann, Georg (George, Johann Georg), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.3.2019)

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