Böhlemann Fritz (eigentl. Eduard Friedrich)
Werkzeugschlosser, Arbeiterfotograf
* 9.1.1892 Leipzig 4.5.1978 Zwenkau
VFriedrich, SchlosserMMarie, geb. Schilling, Hausfrau1928 Elsa, geb. Philipp (1904-1983)S1 (* 1942)T1 (* 1932)
GND: 1015771041





Vermutlich schon während seiner Ausbildung zum Werkzeugschlosser wurde B. im Arbeiterturnverein und der Sozialistischen Arbeiter-Jugend aktiv, um dann 1909 in die SPD und den Deutschen Metallarbeiter-Verband einzutreten. Nach seiner Wanderschaft 1910/11 fand er Arbeit in Leipzig. Während des gesamten Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918 diente B. als Soldat. Er war von 1916 bis 1918 zur Artillerie-Werkstatt Dresden kommandiert, um dann 1918 noch kurz als Krankenträger im Feld eingesetzt zu werden. 1918 wurde er Mitglied im Spartakusbund, möglicherweise auch der USPD, und trat nach deren Halleschem Parteitag 1920 in die KPD ein. Er beteiligte sich in Leipzig aktiv an der Abwehr des Kapp-Putschs, kurzzeitig auch als Kommandeur einer Barrikade. Infolge einer Verurteilung wegen Landfriedensbruchs und diversen Maßregelungen wurde B. im Mai 1923 arbeitslos und setzte seine politische Tätigkeit im Erwerbslosenrat fort. – Während der Verbotszeit der KPD nach dem gescheiterten Aufstandsversuch des „Deutschen Oktober“ 1923 gehörte er u.a. mit Hermann Tischendorf, Herbert Hoffmann und Richard Georgi zu einer von Otto Voigt geleiteten „Terrorgruppe“ im Leipziger Arbeiterviertel Lindenau. Diese war aufgrund entsprechender Beschlüsse des ZKs der KPD gebildet worden und stand auf Stadtebene unter politischer Führung der zum linken Parteiflügel gehörenden Funktionäre Max Strötzel und Arthur Voigt. Nach der Entwaffnung eines Polizisten kam dessen Dienstpistole am 16.4.1924 bei einem bewaffneten Raubüberfall in Leipzig-Leutzsch auf zwei Kassenboten der Firma Singewald & Co. AG mit 11.000 Goldmark Lohngeldern zum Einsatz. Passanten überwältigten B. und seinen Mittäter Georgi, die verhaftet und am 12.9.1924 verurteilt wurden: B. zu fünf Jahren und einem Monat Zuchthaus. Der dem Überfall zugrunde liegende Parteiauftrag kam im Prozess nicht zur Sprache. Im März 1928 vorzeitig und auf Bewährung aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen, ließ B. in den folgenden Jahren seine aktive Parteiarbeit ruhen, um die KPD nicht zu kompromittieren. Stattdessen war er 1928 bis 1933 als Vorsitzender des Ortsvereins Plagwitz-Lindenau-Schleußig der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) aktiv und leitete insbesondere deren Kindergruppe. In dieser Funktion war er zugleich Mitglied der Stadtteilleitung der KPD, zudem in der Roten Hilfe und der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion organisiert. – 1931 neuerlich arbeitslos, begann B. zu fotografieren. Wie ihm der Erwerb der vergleichsweise teuren Leica-Kamera möglich war, ist ungeklärt. Es entstanden neben Bildern aus dem Familienleben Aufnahmen von Demonstrationen, Polizeieinsätzen und einem SA-Aufmarsch, von Ausflügen und Veranstaltungen der IAH. Teilweise gelang es ihm, diese Bilder in der Parteipresse zu veröffentlichen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30.1.1933 fanden mehrere ergebnislose Hausdurchsuchungen bei ihm statt, die vorübergehend beschlagnahmte Leica diente noch zur Dokumentation der Besetzung jüdischer Kaufhäuser im Pogrom vom 1.4.1933 und des Leipziger Volkshauses am 2.5.1933, doch B. nahm in der Folgezeit nicht an organisierter Widerstandsarbeit teil. Mit Unterstützung seines Schwiegervaters und nach der Geburt der Tochter konnte B. 1933/34 in der Schäfereisiedlung im nahe Leipzig gelegenen Zwenkau ein Haus bauen. 1935 fand er wieder Arbeit als Maschinenschlosser, die er bis zu seiner Verrentung 1959 ausübte. Seine Leica tauschte er während des Zweiten Weltkriegs gegen einen Radioapparat, um „Feindsender“ hören zu können. – Bereits kurz nach Kriegsende 1945 bemühte sich B. um die Anerkennung seiner Zuchthausstrafe als politische Haft und übergab nicht zuletzt zum Nachweis seiner Aktivitäten seine über die Verbotszeit geretteten Negative 1954 dem in Aufbau befindlichen Museum für die Geschichte der Leipziger Arbeiterbewegung. Erst am 18.9.1962 wurde mit der Bewilligung einer Ehrenrente seine Anerkennung formal vollzogen. – Als Mitglied der SED war B. als Zirkelleiter, als Stadtverordneter in Zwenkau sowie im Kreisvorstand des FDGB aktiv und gehörte überdies der Kampfgruppe an. Sein politisches Engagement wurde mit der „Medaille für Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse in den Jahren 1918 bis 1923“ (1957) und der „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933 bis 1945“ (1958), der Aufbaunadel in Gold der Nationalen Front sowie dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze (1977) geehrt.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 20036 Zuchthaus Waldheim, Nr. 6953 (Richard Georgi), 21692 SED, Sammlung Erinnerungen V/5/029 (Fritz B.), 21699 SED Leipzig, Sammlung Kaderunterlagen 594 IV 4.09/V/594 (Friedrich B.).

L  W. Hesse, Beweismittel und Geschichtspolitik, in: NASG 82/2011, S. 109-158.

P  Fotografie, Privatbesitz Familie, Zwenkau (Bildquelle).



Wolfgang Hesse
12.7.2012


Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Hesse, Böhlemann, Fritz (eigentl. Eduard Friedrich), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.10.2017)

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