Listner Ferdinand Heinrich d.Ä.
Marionettenspieler
* 2.2.1826 Lichtenstein 20.6.1876 Lichtenstein(ev.)
VChristian Heinrich d.Ä. (um 1800-1875), MarionettenspielerMHanne Wilhelmine, geb. GüntherGLouis Ernst (1821-1826); Friedrich Eduard (* † 1823); Julius Robert (* † 1825); Emilie Pauline (* 1827), Marionettenspielerin; Amalie Rosalie (* 1829), Marionettenspielerin; Julius Ernst (1831-1832); Christian Heinrich d.J. (1833-1858), Dekorationsmaler; Johanne Wilhelmine (* 1834); Heinrich Ernst (* † 1837); Emilie Wilhelmine, Marionettenspielerin; Anna Pauline (1838-1839); Emilie Bertha (* † 1840)1854 Marie Sophie, geb. Dämig (Dämrich) (1833-1880), MarionettenspielerinSFerdinand Heinrich d.J. (1857-1912), Marionettenspieler; Alexander, MarionettenspielerTAdelheid; Selma; Irene; Maria († 1948); Margarethe
GND: 139742263


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L. entstammte einer traditionsreichen Marionettenspielerfamilie, die neben den Billes und Wünschs zu den ältesten Sachsens zählt. Die Listners bereisten v.a. das Erzgebirge. Sie zogen in der Tradition der Wanderbühnen des 16. und 17. Jahrhunderts mit Pferd und Wagen über Land, um in den Dörfern und Kleinstädten ihre Stücke zu spielen. Ihr Repertoire umfasste Volksbücher wie „Dr. Faust“ sowie regionale Sagen und Begebenheiten wie „Karl Stülpner“. Im 19. Jahrhundert erweiterten sie das Repertoire um Operetten und Singspiele wie den „Freischütz“. Sie adaptierten Themen des Schauspieltheaters wie „Hamlet“ für die Puppenbühne und spielten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Märchen als Reaktion auf die entstehende Nachfrage nach Kindertheater. Dazu kamen Spielhandlungen an exotischen Orten wie „Das geraubte Türkenkind“. – Der Begründer der Listnerschen Familientradition war wahrscheinlich der Großvater L.s, Christian Friedrich d.Ä., der als Wollweber und „mechanischer Künstler“ arbeitete. Jedoch sind die Ursprungslegenden der Familientradition vielfältig. So soll u.a. ein Vorfahre Schnellläufer und Spaßmacher bei den Fürsten von Lichtenstein gewesen sein und das Recht zur Gründung eines Marionettentheaters erhalten haben. Nachweislich bekam L.s Vater 1815 die Konzession für ein eigenes Marionettentheater. L. unterstützte zusammen mit seinem Bruder Christian Heinrich d.J. den Aufbau des väterlichen Unternehmens. Er spielte und schrieb die vom Vater mündlich überlieferten Stücke, darunter auch Singspiele, auf. Sein Bruder malte die Kulissen. Daneben entstand auch ein Theatrum Mundi, ein mechanisches Theater, das exotische Landschaften oder historische Ereignisse bebilderte, in dem die Figuren mit Hilfe von Laufschienen bewegt wurden. Als L.s Schwestern sich nach der Heirat - zumeist mit Theatergehilfen der väterlichen Bühne - mit ihren Männern als Marionettenspieler selbstständig machten, heiratete L. die Puppenspielerin Marie Sophie Dämig, die als Spielerin für die weiblichen Partien in das Wandertheater einstieg. 1863 übernahm L. das Theater von seinem Vater und bereiste weiter das Erzgebirge. – L. galt als guter Spieler v.a. der Kasperfigur. Sprache und Stimme setzte er differenziert als Ausdruckmittel ein. Laut Berichten von Nachkommen war er ein humorvoller und gewitzter Mensch. Nach L.s Tod führte sein Sohn Ferdinand Heinrich d.J. das Theater weiter. Erst mit seinem Enkel Kurt endete 1951 die Familientradition der Wandermarionettenbühne. L.s Theaterunternehmen ging es ähnlich wie anderen Wanderbühnen: Nachdem das Listnersche Theater Industrialisierung, die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise überstanden hatte, machte die staatliche Zensur in der DDR ein Fortbestehen unmöglich. Die traditionellen Stücke mit den Zwischenspielen der Kasperfigur, die das Publikum verlangte, durften nicht mehr gespielt werden. Neue Stücke benötigten eine teuere Ausstattung bzw. fehlten ganz. Kurt Listner verkaufte das Theater an die Staatliche Puppentheatersammlung in Dresden. Seine Tochter Susanne, die noch im väterlichen Unternehmen gespielt hatte, übernahm mit ihrem Mann, Heinz Holzapfel, 1952 das neu gegründete städtische Puppentheater Zwickau.



Q  Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Archiv der Puppentheatersammlung, Spielerakte Familie Listner.

L  O. Bernstengel, Sächsisches Wandermarionettentheater, Dresden/Basel 1995; K. Bille, Chronik der Marionettenspieler aus Sachsen, Hameln 21999.



Dorothee Carls
26.6.2006


Empfohlene Zitierweise:

Dorothee Carls, Listner, Ferdinand Heinrich d.Ä., in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (23.5.2017)

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