Köhler Johann August Ernst
Naturwissenschaftler, Volkskundler, Mitbegründer des Erzgebirgsvereins
* 5.8.1829 Bautzen 19.12.1903 Aue Schneeberg
VHausdiener1853, LehrertochterK5
GND: 11856420X

Nach der Bürgerschule besuchte der aus einfachen Verhältnissen stammende K. drei Jahre lang die lose mit dem Landständischen Seminar verbundene Präparandenanstalt in Bautzen. Ostern 1847 trat er in das Seminar ein, was ihm durch ein landständisches Stipendium sowie private Unterstützung ermöglicht wurde. Zugleich begann er, Privatstunden zu geben. Ostern 1852 legte er die Prüfung zur Erlangung der Schulamtskandidatur ab. Nach kurzer Hauslehrertätigkeit in Bellwitz bei Löbau 1852 trat er in die Wäntig’sche Erziehungsanstalt in Großschönau ein. Schon Ostern 1853 wechselte er als Lehrer an die Bürgerschule nach Bautzen, wo er naturkundliche Fächer und Geometrie unterrichtete. Bei seiner kurz zuvor absolvierten zweiten Lehramtsprüfung (sog. Wahlfähigkeitsprüfung für ständige Lehrerstellen) hatte er sich auf eigenen Wunsch einer besonderen Prüfung in Naturwissenschaften unterzogen. Seine Interessen waren daneben aber auch auf Provinzialgeschichte und Heimatkunde sowie in zunehmendem Maß auf Volkskunde orientiert. Da ihm die Prüfung zur Erlangung der Kandidatur des höheren Schulamts vom Königlichen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts erlassen wurde, konnte K. Anfang 1858 eine Stelle als Lehrer für Naturwissenschaften und Mathematik an der Realschule mit Progymnasium in Reichenbach/Vogtland antreten. 1859 legte er der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig eine naturwissenschaftliche Arbeit als Dissertation vor und promovierte, ohne Abitur, am 22.2.1860 zum Dr. phil. 1873 folgte seine Berufung als zweiter Oberlehrer an das neu gegründete Königliche Lehrerseminar in Schneeberg. 1897 trat er offiziell in den Ruhestand. An zunehmender Erblindung leidend, siedelte K. zu seinen beiden Töchtern nach Aue über. – Neben seiner starken Hinwendung zu den Naturwissenschaften, die im Zusammenhang mit der Reformpädagogik des 19. Jahrhunderts stand, beschäftigte sich K. auch mit geisteswissenschaftlichen Studien. Schon 1865 hatte er nach einer Ausschreibung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften einen Abriss zur „Geschichte der Oberlausitz von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1815“ veröffentlicht, der preisgekrönt und später in einem zweiten Band bis in die Gegenwart (1868) weitergeführt wurde. Beide Arbeiten sind wegen der Darstellung des Alltagslebens, der Sachkultur und der ethnischen Problematik (Sorben - Deutsche) auch von volkskundlichem Interesse. Allerdings wiesen bereits Zeitgenossen auf verschiedene überholte Ansichten hin. In seinen volkskundlichen Studien befasste sich K. v.a. mit Glaubensvorstellungen, Bräuchen und Sagen. In den interdisziplinär angelegten Sagenstudien wurden die Inhalte der Sagen zwar überzeugend naturwissenschaftlich erklärt, deren Eigengesetzlichkeit und Funktion aber außer Acht gelassen. Der Wert der umfassenden Sagensammlungen K.s wird dadurch jedoch nicht beeinträchtigt, zumal es sich häufig um Aufzeichnungen aus dem Volksmund handelte. Von Bedeutung ist ferner K.s Studie über das ehemalige Arznei-Laborantenwesen im westlichen Erzgebirge. – K. war ein Mann der Praxis. Das zeigte sich nicht nur in seinem pädagogischen Wirken, sondern auch in seinen umfangreichen Aktivitäten in dem 1859 von ihm gegründeten Voigtländischen Verein für allgemeine und spezielle Naturkunde zu Reichenbach oder auch als korrespondierendes Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Weiterhin war er Mitglied in der Naturforschenden Gesellschaft zu Görlitz, in der Naturforschenden Gesellschaft ISIS zu Dresden und zu Bautzen, im Naturwissenschaftlichen Verein Saxonia zu Großschönau, im Voigtländischen Alterthumsforschenden Verein zu Hohenleuben, im Humboldt-Verein, im Naturwissenschaftlichen (später: Wissenschaftlichen) Verein zu Schneeberg und im Verein für Naturkunde in Zwickau. In seinen letzten Lebensjahren war er dem 1897 gegründeten Verein für Sächsische Volkskunde eng verbunden. Bekannt wurde K. jedoch hauptsächlich als Mitbegründer und Vorsitzender des 1878 etablierten Erzgebirgsvereins, der gleichermaßen als Touristenverein, Verschönerungsverein und Verein für Volkskunde konzipiert war. Die Zeitschrift des Erzgebirgsvereins „Glückauf“ wurde wesentlich von K. geprägt. In allen genannten Vereinen hielt K. volkskundliche Vorträge. Diese waren auch ein Bestandteil seiner regen Publikationstätigkeit. K.s Schaffen fand schon zu Lebzeiten hohe Anerkennung, beispielsweise durch die Preise der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften sowie durch zahlreiche Ehrenmitgliedschaften in Vereinen, aber auch durch die Wahl in öffentliche Ämter. Ihm zu Ehren wurde in Reichenbach/Vogtland eine Büste aufgestellt, und an dem Aussichtsturm auf dem Gleesberg wurde eine Tafel angebracht. Nach seinem Tod wurden zahlreiche würdigende Nekrologe publiziert.



W  Versuch einer petrographischen Darstellung des sächsischen Vogtlandes und einiger Grenzdistrikte, Diss. Leipzig 1860; Die Geschichte der Oberlausitz von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1815, Görlitz 1865, ²1867 (ND in: Neues Lausitzisches Magazin 42/1865, S. 1-282); Volksbrauch, Volksglauben, Sagen und andere alte Ueberlieferungen im Voigtlande, mit Berücksichtigung des Orlagau’s und des Pleißnerlandes, Leipzig 1867; Die Geschichte der Oberlausitz vom Jahre 1815 bis zur Gegenwart, Görlitz [1868]; Nachklänge der altgermanischen Frühlings- und Sommerfeier im Voigtlande; Die Eruptivgesteine des sächsischen Voigtlandes mit Berücksichtigung einiger angrenzenden Vorkommnisse, Reichenbach 1873; Pflanzen und Götter, Leipzig/London 1876; Deutsche Volkssagen im Lichte der Geologie, Leipzig/London 1876; Sagenbuch des Erzgebirges, Schneeberg/Schwarzenberg 1886; Die pflanzengeographischen Verhältnisse des Erzgebirges, in: G. A. Henne, Fünfter Bericht über das Königliche Schullehrer-Seminar zu Schneeberg, Schneeberg 1889, S. 1-52; Zur Geschichte des ehemaligen Arznei-Laborantenwesens im westlichen Erzgebirge, Schneeberg/Schwarzenberg 1898; Ein Lebensbild, in: Unser Vogtland 12/1895, S. 470-478 (P) [Autobiografie].

L  G. Doehler, Ein Erforscher des Vogtlands, in: Unser Vogtland 12/1895, S. 478-483; R. Lorenz, Der Erzgebirgsverein in den 25 Jahren von seiner Begründung bis zur Gegenwart, in: Festschrift, hrsg. zur Feier des 25jährigen Bestehens des Erzgebirgsvereins, S. 1-20; H. Möckel, Dr. K., in: ebd., S. 47-52 (P); W. Schnabel, Ein Lebensbild des Begründers des Sächsischen Erzgebirgsvereins, des Schneeberger Seminaroberlehrers Dr. K. (1829-1903), Karl-Marx-Stadt 1979 (MS) [Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden]; ders., Die Veröffentlichungen des Gründers des Sächs. Erzgebirgsvereins, des seinerzeitigen Schneeberger Seminaroberlehrers Dr. K., Karl-Marx-Stadt 1981 (MS) [Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden]; B. Emmrich, Volkssagen im Lichte der Geologie, in: dies., Heimatforschung, Spinnstuben-Performance und Hochschulseminar, Dresden 2001, S. 153-185 (Bildquelle, WV). – DBA I.



Brigitte Emmrich †
7.9.2011


Empfohlene Zitierweise:

Brigitte Emmrich †, Köhler, Johann August Ernst, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.4.2017)

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