Börner Emil Paul
Porzellanmaler, Plastiker, Bildhauer, Medailleur
* 12.2.1888 Meißen 7.11.1970 Meißen, Alter Johannesfriedhof
VFriedrich Emil, Tischler, PianobauerMLinda Agnes, geb. Zschoka1912 Katharina, geb. Körner (1887-1978)SChristoph Witlof (1921-1956)
GND: 1014092264





B. war in seiner Vielfältigkeit einer der am meisten herausgeforderten und in seiner Schaffenszeit geförderten Künstler der Meißner Porzellanmanufaktur. Kaum ein anderer Meißner Porzellankünstler dieser Zeit erreichte nur annähernd seine Produktivität und Kreativität. Mit seiner fast unüberschaubaren Quantität des Schaffens hat er die sog. Pfeifferzeit 1918 bis 1933 bedeutend mitgestaltet. – B.s zeichnerisches Talent wurde schon während seiner Schulzeit entdeckt. Nach Abschluss der Schule begann er eine Ausbildung als Porzellanmaler bei der Meißner Porzellan-Malerei Julius Pfohl. Nebenher nahm er noch zusätzlichen Privatunterricht an einer Zeichenschule, die ein Figurenmaler der Meißner Porzellanmanufaktur betrieb. Hier erlernte er v.a., Motive aus der Natur künstlerisch umzusetzen. Nach dem Abschluss seiner Lehre bei Pfohl 1905 ging B. an die Kunstgewerbeschule Dresden, wechselt aber bereits ein Jahr später an die Kunstakademie. Um seinen Aufenthalt und die Ausbildungskosten zu finanzieren, gab er in Dresden an einer privaten Zeichenschule zusätzlich Unterricht. In seiner Heimatstadt Meißen lernte B. den Bildhauer, Maler und Illustrator Sascha Schneider kennen, der dort seit 1900 ein eigenes Atelier betrieb und der v.a. durch seine eindrucksvollen Titelzeichnungen zu den Werken von Karl May bekannt geworden ist. Ihm folgte B. 1909 zu einem einjährigen Studienaufenthalt nach Florenz, wo er Erfahrungen im Modellieren erwarb und seine Liebe zur Plastik geweckt wurde. – Nach Meißen zurückgekehrt bewarb sich B. erfolgreich an der dortigen Porzellanmanufaktur. Am 1.12.1910 vorerst probeweise eingestellt, erhielt er schon am 1.7.1911 die gewünschte Festanstellung als „freischaffender Künstler“. Unter der Manufakturleitung von Paul Gesell oblag es ihm nun, neue Entwürfe für moderne figürliche Dekore zu erarbeiten. In dieser schon sehr schaffensreichen Zeit gelang es B., seine Ideen wirksam einzubringen, wobei er sich besonders in der Porzellanplastik engagierte. Für Aufsehen und Anerkennung sorgten seine 1911 geschaffene Papageienvase sowie die filigrane Plastik „Spanische Tänzerin“. – Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde B. zum Heeresdienst eingezogen. Zwei Jahre Kriegsdienst an der Front beeinflussten sein künstlerisches Empfinden sehr, und seine Arbeiten wurden nun zunehmend von einer expressiven Übersteigerung geprägt. In der Nachkriegszeit wirkte B. gleichzeitig als Maler, Medailleur, Plastiker und Formgestalter. In Max Adolf Pfeiffer, dem seit 1918 amtierenden Generaldirektor der Porzellanmanufaktur Meißen, fand er einen begeisterten Förderer seiner Ideen. Am 1.9.1923 übernahm B. zunächst für fünf Jahre ein Meisteratelier. Ab sofort standen ihm bei seinen künstlerischen Aufgaben talentierte Assistenten zur Seite, die er auch ausbildete. Am 4.1.1924 erfolgte durch das Sächsische Finanzministerium die Berufung zum Professor. In der Öffentlichkeit wurden in dieser Zeit neben seinen Geschirr- und Gefäßkreationen meist die unzähligen Münz- und Medaillenentwürfe gewürdigt. Sein plastisches Schaffen wurde dabei noch oft übergangen. Schon 1921 hatten die Entwurfsarbeiten für die Umgestaltung der Nikolaikirche Meißen zur Kriegergedächtniskirche begonnen. Hier sollte den vielen Opfern aus dem Kreis Meißen, die der Erste Weltkrieg gefordert hatte, gedacht werden. Am 26.5.1929 erfolgte die Einweihung der in ihrer Art wohl einmaligen Gedenkstätte. Ganze acht Jahre arbeiteten B. und seine Assistenten an diesem, durch massive finanzielle Probleme immer wieder verzögerten Werk. Zur Ausstattung der Kriegergedächtnisstätte gehören die größten bis dahin hergestellten Porzellanfiguren nebst Epitaph-Gruppen mit 1.794 Porzellantafeln, welche die einzelnen Sterbedaten der Gefallenen tragen. Eindrucksvoll zeigt der von B. gemalte Flügelaltar die Schrecken des Kriegs sowie den Neubeginn. Die Kriegergedächtniskirche sorgte für ein großes internationales Medienecho und zählt zu den bedeutendsten Werken B.s. Noch heute gilt sie als eine keramtechnische Meisterleistung. – Im Hinblick auf die Jahrtausendfeier der Stadt Meißen 1929 erhielt B. vom Generaldirektor der Manufaktur Meißen, Pfeiffer, den Auftrag, die Versuche zur Herstellung von Porzellanglockenspielen wieder aufzunehmen. Ziel war es, ein derartiges Glockenspiel in den Turm der Meißner Frauenkirche einzubauen. Erneut erregte das von ihm mithilfe seines Assistenten Max Hermann Dietze geschaffene Porzellanwerk Aufsehen und wurde zum Vorbild für Meißner Porzellanglockenspiele in vielen Städten in Deutschland und später auch in Europa und Asien. Auch mit Glocken aus Metall befasste sich B. Ebenfalls zur Tausendjahrfeier 1929 sollte der Glockensatz des Meißner Doms, der seit dem Ersten Weltkrieg nur noch zwei der einst vier Glocken von 1908 umfasste, wieder komplettiert werden. B. lieferte die Entwürfe für die fehlenden Johannes- und Lukasglocken. Die Johannesglocke aus Bronzeguss gilt noch heute als eine der figurenreichsten Glocken der Welt. – Immer wieder gelang es B. mit den bekannten, althergebrachten Techniken der Porzellankunst, Neues zu vollbringen. Stets danach bestrebt, auch in den durch die Inflation geprägten, wirtschaftlich schweren Jahren die bekannte Qualitätstradition der Manufaktur Meißen zu bewahren, entstand eine Vielzahl von Gebrauchsformen, Ziergegenständen und Figuren sowie ein komplettes Service. Seine sich an das 18. Jahrhundert anlehnenden Blumendekore sorgten erneut für Aufsehen. Das Spektrum der figürlichen Plastik umfasste in dieser Zeit puppenhafte, verspielte Figuren und Feinsteinzeugporträts. Bei seinen Arbeiten betrat B. aber niemals das weite Feld der Tierplastik. Ein Beispiel für die gute Qualität seiner Arbeiten sind die für treue Kunden sowie Sammler limitierten Jahresplaketten der Manufaktur Meißen. Für die Gestaltung verpflichtete Generaldirektor Pfeiffer sechs seiner erfolgreichsten Künstler. Von den insgesamt sechzehn Plaketten wurden allein sieben von B. gestaltet. Überhaupt bilden die von ihm entworfenen Münzen, Medaillen und Plaketten einen wichtigen Schwerpunkt seines Schaffens. Über eintausend Entwürfe können ihm zugeordnet werden. Sie wurden in braunem Feinsteinzeug oder weißem Biskuitporzellan umgesetzt. Hierbei experimentierte B. auch mit anderen Materialfarben und liebte das Spiel mit verschiedenen Dekoren, die er gern bei Proben einsetzte. Er wollte dem Kunden damit immer wieder zeigen, was alles mit dem Medium Porzellan möglich war, und erwies sich dabei als Meister der Reliefkunst, der auf kleinstem Raum eine künstlerische Aussage dekorativ umzusetzen vermochte. Seine Entwürfe schnitt er in der anspruchsvollen Technik des Negativschnitts direkt in die Gipsform. Münzen aus Feinsteinzeug und Biskuitporzellan waren in dieser Zeit eine Alternative, um dem herrschenden Mangel an Kleingeld und Münzmetallen entgegenzutreten. Es bestand sogar internationales Interesse am Porzellangeld, sodass B. für Guatemala Münzentwürfe und Probeprägungen fertigte. Ein weiteres Betätigungsfeld wurde die Gestaltung von Geldscheinen, die für den inneren Verkehr der Manufaktur in der Zeit der Hochinflation 1923 bestimmt waren. Hier zog B. alle Register seines grafischen Könnens. Die Deutsche Keramische Gesellschaft ehrte ihn am 28.9.1930 mit der Böttger-Denkmünze für sein bisheriges künstlerisches Schaffen. – Am 1.10.1930 wurde B. zum Direktor der Malerei- und Gestaltungsabteilung der Manufaktur Meißen berufen. Zwar hätte diese führende Position in B.s künstlerischem Leben eine nochmalige Erweiterung seiner Möglichkeiten bringen können, doch seine eigenschöpferische Arbeit trat nun hinter die bürokratischen Aufgaben zurück. Seine einzigartige Vielseitigkeit im Umgang mit den verschiedensten Materialien bewies B. noch einmal bei der Ausgestaltung des Meißner Krematoriums 1930 bis 1938 mit der Verbindung von Teichert-Steinzeug (Vestibül 1930), Hartbrandkeramik (Medaillon mit Phönix 1931), Beton (Pietaskulptur 1931), Bleiglasfenstern (1931), Porzellanglockenspiel (1932) und Glasmosaiken (1936). Eine heute leider nicht mehr erhaltene Ausmalung der Feierhalle schuf nach B.s Entwürfen der bekannte Dresdner Kirchenmaler Max Helas. – Als am 15.3.1933 Pfeiffer als Generaldirektor der Porzellanmanufaktur auf Weisung des Reichskommissars für Sachsen, Manfred von Killinger, vorerst von seinem Amt beurlaubt wurde, bestimmte man gleichzeitig B., vermutlich ohne sein vorheriges Wissen, zu dessen kommissarischen Vertreter. Er wurde aber nur wenige Stunden auf dem Direktorenstuhl belassen, denn schon am Tag darauf erfolgte die Rücknahme der Verfügung und Pfeiffer leitete die Manufaktur bis zu seiner erneuten Beurlaubung zum 20.5.1933 weiter. Nach der endgültigen Entlassung Pfeiffers fand auch B. keine feste Basis mehr für weitere Projekte in der Manufaktur, er war unzufrieden und zog sich mehr und mehr zurück. 1937 verließ B. die Manufaktur Meißen und erhielt am 1.4.1937 eine Professur an der Dresdner Akademie für Kunstgewerbe. Hier fand er vorerst ein neues Tätigkeitsfeld, bis er dann ab 1942 noch zusätzlich eine Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule Dresden wahrnahm. Nebenher arbeitete er nun als freischaffender Künstler. In seinem Wohnhaus in Meißen (Kaiserstraße 16) unterhielt er ein kleines Atelier. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs begann er kein größeres Projekt mehr. Er war offenbar mit seiner Lehrtätigkeit ausgelastet, hielt sich aber gleichzeitig auch aus allen politischen Aktivitäten heraus. Mit der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 war ein Unterricht an Akademie und Kunsthochschule nicht mehr möglich, sodass sich B. nur noch der Arbeit als freischaffender Künstler widmete. Um 1952 kam es erneut zum Kontakt mit der Manufaktur Meißen und dem Porzellan. Aber auch zur Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) pflegte B. Kontakt und erhielt dort Aufträge für den Entwurf von mehreren kleinformatigen Figuren. Weiterhin lieferte er in dieser Zeit die Entwürfe der beiden Denkmäler für Ernst Thälmann und August Bebel in Neusörnewitz bei Coswig, die auch umgesetzt wurden. 1956 beschloss der Meißner Stadtrat die Herstellung eines Denkmalsockels, auf dem später die bereits vorhandene Bronzebüste von Christian Friedrich Samuel Hahnemann platziert werden sollte. Hierfür erhielt B. den Auftrag für den Sockelentwurf und wurde gleichzeitig mit der Bauleitung bei der Aufstellung des Denkmals betraut. In Vorbereitung auf das 250-jährige Jubiläum der Porzellanmanufaktur Meißen gehörte B. 1960 zu den Künstlern, die Entwürfe für eine Jubiläums-Kollektion liefern sollten. Er legte daraufhin Entwürfe für ein großes Service, einige Vasen, Medaillen und Plaketten vor und erhielt wiederum Anerkennung. Auch in den zahlreichen Publikationen zum Jubiläum fand B. immer wieder Lob und wurde mehrfach anerkennend benannt. Zwei Thüringer Porzellanmanufakturen kauften Ende der 1960er-Jahre noch mehrere Figurenmodelle von B. an, um sie in ihre Kollektion aufzunehmen. – B. verstarb am 7.11.1970 in Meißen. Die Ruhestätte der Familie befindet sich auf dem Alten Johannesfriedhof in Meißen, und wie es die Ausführung von Grabstein sowie den einzelnen Grabplatten vermuten lässt, wurde die Gestaltung schon zu Lebzeiten von B. vorbereitet und bestimmt.



Q  Adressbücher der Stadt Meißen von 1893, 1900, 1939, 1950; Archiv des Krematoriums Meißen.

W  Nikolaikirche Meißen, Ausgestaltung der Kriegergedächtnisstätte, 1929; Frauenkirche Meißen, Porzellanglockenspiel, 1929; Meißner Dom, künstlerische Gestaltung der Johannes- und der Lukasglocke, 1929; Krematorium Meißen, künstlerische Ausgestaltung, ab 1930; Denkmalsockel für das Hahnemann-Denkmal in Meißen, 1957.

L  H. Gröger, Tausend Jahre Meißen, Meißen 1929; Tausend Jahre Meissner Land, Meißen 1929; Ephorie Meissen. Meissen und seine Kirchen, Leipzig 1930; 250 Jahre Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen, Meißen 1960; F. Pfeiffer, Emil Paul B., in: ders. (Hg.), Bilder aus Sachsen, Meißen [1935], S. 36-43; K. Scheuch, Spenden-Medaillen aus Porzellan und Ton, Gütersloh 1966; ders., Medaillen aus Porzellan und Ton, Bd. 1-4, Gütersloh 1967; ders., Münzen aus Porzellan und Ton, Gütersloh 1978; H. Dämmig, Meißner Porzellanglockenspiele, Meißen 1987; C. Marusch-Krohn, Meissener Porzellan 1918-1933. Die Pfeifferzeit, Leipzig 1993; A. Rasch, Glockenspiele aus Meissener Porzellan, Bremen 1994; J. Schärer/G. Baunach, Auf den Punkt gebracht, Meißen 2000; K. Ferner, Domglocken und Turmuhren, in: G. Donath, Die Restaurierung des Doms zu Meißen 1990-2002, Stuttgart 2003; P. Braun, Böttgersteinzeug. Eine Meissener Faszination, Meißen 2007; G. Naumann, Stadtlexikon Meißen, Beucha 2009; [R. Graff], 300 Jahre Manufaktur Meißen. Es gab einst auch Notmünzen aus Böttger-Steinzeug und Biskuitporzellan, in: Money Trend 42/2010, H. 3, S. 13; [ders.], Die sächsischen Notmünzen aus Böttgersteinzeug der Jahre 1920/1921. Ein Produkt der „Pfeifferzeit“, in: Münzen & Sammeln 2010, H. 6, S. 25-28; R. Graff, Münzen aus Weissem Gold, in: Numis-Post. Das Schweizer Magazin für Münzen 2010, H. 10, S. 89-92; S. Förster, Kriegergedächtnisstätte und Glockenspiel. Porzellankunst für den öffentlichen Raum zur Jahrtausendfeier Meißens 1929, in: Manufakturisten als Bürger der Stadt Meißen, hrsg. vom Stadtmuseum Meißen, Meißen 2011, S. 117-121; G. Donath/C. Peter, Das Geläut des Meißner Doms. Die in-situ-Reparatur der Meißner Johannesglocke, in: Monumenta Misnensia 10/2012, S. 6-19, 31-47; R. Graff, Mit Meißner Porzellan die Straßenbahn bezahlen, in: Numis-Post. Das Schweizer Magazin für Münzen 2017, H. 10, S. 91-93; [ders.], Die Münzen und Medaillen vom „Verein für Feuerbestattung zu Meißen“, in: Money Trend 50/2018, H. 1, S. 154-156; [ders.], Mit einem „Schaff er mir Gold, Böttger“ fing alles an und später sollte man sogar mit Porzellan bezahlen können, in: Money Trend 50/2018, H. 4, S. 106f. – DBA II.

P  Emil Paul B., Fotografie, Privatbesitz (Bildquelle).



Reiner Graff
29.6.2018


Empfohlene Zitierweise:

Reiner Graff, Börner, Emil Paul, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (11.12.2018)

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