Schwencke (Schwenck, Schwenke) David
Steinmetz, Bildhauer
* 29.9.1575 Pirna 5.11.1620 Pirna(ev.)
VJohann (Hans) (um 1529-um 1597), TuchmacherMAnna, geb. GurttmanG6 u.a. Christina; Michael (ca. 1563-1610), Steinmetz, Bildhauer; Hans (* 1580); Katharina 1.1598 Anna, geb. Cademann († 1616)SDavid (1608-1610); Hans (* 1611)TAnna (* 1600); Maria (* 1606); Margareta (* 1610) 2.1616 Maria, geb. Leffler
GND: 121349667





S. prägte in der Zeit um 1600 gemeinsam mit seinem Bruder Michael und Lorentz Hörnig die Pirnaer Bildhauerkunst. Der Verbreitungsschwerpunkt seiner Werke, bei denen es sich überwiegend um sakrale Bildwerke, aber auch um einige profane Stücke handelt, die S. in Sandstein arbeitete, liegt in Sachsen und Böhmen. Als Auftraggeber treten neben dem Rat der Stadt Pirna einzelne Bürger sowie der sächsische und böhmische Adel in Erscheinung. – Seine Ausbildung zum Bildhauer absolvierte S. wahrscheinlich zwischen 1589 und 1594 in der Werkstatt seines älteren Bruders Michael in Pirna. Allem Anschein nach verbrachte er in dessen Werkstatt auch die Gesellenzeit. Im Januar 1598 bekam S. das Pirnaer Bürgerrecht zuerkannt. Gleichzeitig oder kurz darauf wurde er in den Meisterstand erhoben, was ihn berechtigte, eine eigene Werkstatt zu führen und Mitarbeiter zu beschäftigen. Noch im gleichen Jahr dürfte er den Auftrag für die Figurengrabplatte des Johann Karl von Rechenberg in Crostau (sorb. Chróstawa) erhalten haben. Die kleine Grabplatte des jungen Meisters zeigt eine deutliche Anlehnung an gleichartige Werke seines Bruders Michael. In Details wie der Physiognomie und der Wappengestaltung offenbart sich jedoch die Neigung S.s zu massiven, durchgebildeten und breitflächig angelegten Formen. – Um 1600 verließ S. Pirna. Sein Weg führte ihn elbabwärts in die Hansestadt Lüneburg. Mit seinem ersten Hauptwerk, der Kanzel in St. Michaelis zu Lüneburg, die um 1601/02 im Auftrag des Konvents des Michaelisklosters entstand, zeigt S. erstmals die gesamte Bandbreite seines Könnens. Die Kanzel verfügt neben architektonischen und ornamentalen Elementen über szenische Reliefs, freiplastische Statuetten und Inschriften, die sich durch ihre kleinteilige und zartgliedrige Ausführung auszeichnen. Die Szenen der malerisch angelegten Reliefs werden von zahlreichen Figuren bevölkert, die in vorwiegend flache Räume ohne Tiefenperspektive gesetzt sind. Innerhalb S.s Œuvre stellen diese Reliefs eine Besonderheit dar, denn in allen späteren Werken herrschen groß gedachte Figurenkompositionen vor. Charakteristisch für sein Schaffen ist die monumentale Figur, die vor einen weitgehend neutralen Hintergrund gesetzt ist. Gleichzeitig sind der architektonische Rahmen und die Ornamentik auf wenige große Elemente reduziert. Die subtil erfasste Physiognomie des Kanzelträgers ist das erste einer Reihe von ausgezeichneten Männerbildnissen, die durch die Wiedergabe sehr authentisch wirkender Gesichtszüge gekennzeichnet sind. Vermutlich kehrte er um 1604/05 wieder in seine Heimatstadt Pirna zurück. Als erstes Werk nach seiner Rückkehr entstand die Figurengrabplatte eines Kindes der Familie von Starschedel. Sie steht am Beginn einer Reihe von sehr schlichten Figurengrabplatten und Wanddenkmälern, die in ihrer Konzentration auf die monumental dargestellte Figur des Verstorbenen Beachtung verdienen. 1611 begann S. mit der Arbeit an der Ergänzung und Erweiterung eines von seinem Bruder unvollendeten Epitaphs für Antonius von Salhausen auf Bensen, das später als Altarretabel der Pirnaer Marienkirche verwendet wurde. Die vielfigurigen Szenen mit ihren großformatigen Gestalten, das kräftige Rahmenwerk und die wie ausgestochen wirkenden ornamentalen Beizierden sind charakteristische Merkmale seines Stils. Im Vergleich zu den von seinem Bruder Michael geschaffenen, lebhaft bewegten, manieriert gedrehten Figuren, wirken seine eigenen in ihrer Großformatigkeit steif und unbeweglich und auch ein wenig schwerfällig. Ein Wandel in der Art des Dekorationsstils lässt sich um 1618 feststellen. Während S. bisher das Beschlag- und Rollwerk verwendet hatte, wie es in den Vorlagen und Säulenbücher von Cornelis Floris und Vredeman de Vries vorgestellt wurde, zeigt sich an den Beizierden des großen Portals in der Dohnaische Gasse Nr. 76 in Pirna erstmals eine zaghafte Aufweichung der Randformen, wie sie für das Knorpelwerk oder den Ohrmuschelstil typisch ist. Höhe- und zugleich Schlusspunkt dieser Entwicklung zum neuen Dekorationsstil stellt die Ornamentik am Epitaph der Elisabeth von Schönberg in Reinhardtsgrimma dar. Hier lassen sich bereits die charakteristischen weichplastischen, molluskenähnlichen Gebilde beobachten, die nach 1620 die geometrisch angelegte Ornamentik ersetzten. Die hoffnungsvoll begonnene Entwicklung im Werk S.s bricht mit dem Tod des Meisters am 5.11.1620 unvermittelt ab. Von den um 1600 in Pirna ansässigen Bildhauern fällt S. weder durch die ungewöhnliche Anlage oder markante Komposition seiner Werke auf, noch durch bemerkenswerte Figurenschöpfungen. Dennoch werfen die Kanzel in Lüneburg und die beiden Schönberg-Epitaphien mit ihren kleinteiligen, präzis gebildeten Reliefs oder ornamentalen Details ein Licht auf die bildhauerischen Fähigkeiten des Meisters. Unbestreitbar zählen zu den Höchstleistungen in seinem Werk die zahlreichen fein beobachteten und psychologisch differenzierten Männerporträts, die ohne Zweifel in einem Vergleich mit Werken anderer Meister um 1600 bestehen.



Q  Domstiftsarchiv St. Petri zu Bautzen, Nachlass Bruger; Kreisarchiv Pirna, Tauf- und Totenbücher, Trauregister; Stadtarchiv Pirna, Ratsprotokolle und Kämmereirechnungen, B. I-XXII No. 22: Altarbaurechnung, fol. 1-10, Handschrift Nr. 4; Sächsisches Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden, Gerichtsbücher: Stadtbücher Pirna (Kaufbuch), Stadtbücher Pirna (Konsensbuch); Stadtarchiv Lüneburg, Rep. St. Mich., Rep. Loc. 45, Nr. 2: Amts-Protokoll-Buch 1586-1618, Rep. R IV, Nr. 10 (1665/66), Nr. 11 (1666/67), Nr. 13 (1668/69), Rep. St. Mich., Rep. L 17, Nr. 1, vol. I: Bausachen 1582-1672.

W  Figurengrabplatte für Johann Karl von Rechenberg, 1598, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Crostau; Schlussstein, um 1600, Sandstein, Portal Barbiergasse Nr. 10 Pirna; Kanzel, 1602, Sandstein, St. Michaelis Lüneburg; Figurengrabplatte für Innozenz von Starschedel, um 1605, Sandstein, Kirche Narození P. Marie Bensen (tschech. Benešov nad Ploučnicí); Wandgrabmal für Caspar Jordan, ca. 1608, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Reichstädt; Wandgrabmal für Christof Jordan, ca. 1608, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Reichstädt; Wandgrabmal für Elias Jordan, ca. 1608, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Reichstädt; Wandgrabmal für Hans Jordan, ca. 1608, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Reichstädt; Röhrkasten, 1611, Sandstein, Fleischmarkt Bautzen; Epitaph für Balthasar Cademann, 1611, Sandstein, St. Marien Pirna; Wanddenkmal für Heinrich von Schönberg auf Bolberitz, um 1611, Sandstein, Stiftskirche St. Peter und Paul Göda; Altarretabel (Ergänzungen zum Epitaph für Antonius von Salhausen von Michael Schwencke), 1611-1613, Sandstein, St. Marien Pirna; Wandgrabmal für Caspar von Bernstein, nach 1612, Sandstein, Erlöserkirche Bärenstein; Wanddenkmal für Dorothea von Hermsdorf, geb. von Rechenberg, um 1613, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Ulbersdorf; Epitaph für Hans Heinrich von Schönberg, um 1615, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Glashütte-Reinhardtsgrimma; Wanddenkmal für Rudolf von Bünau, vor 1615, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Liebstadt; Epitaph für Abraham Bock und Familie, 1615, Sandstein, St. Wenzel Großprießen-Waltirsche (tschech. Sv. Václava Valtírov); Figurengrabplatte für Bartholomäus Fritsche, um 1616, Sandstein, Narození P. Marie Bensen (tschech. Benesov nad Ploucnicí); Portal, um 1618, Sandstein, Dohnaische Gasse Nr. 76 Pirna; Epitaph für Pfarrer M. Johannes Simon, um 1618, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Liebstadt; Epitaph für Elisabeth von Schönberg, geb. von Trotha, nach 1618, Sandstein, Ev.-luth. Kirche Glashütte-Reinhardsgrimma.

L  E. Poche (Red.), Umelecké památky Čech [Die Kunstdenkmäler Böhmens], Bd. 1-4, Prag 1977-1982; E. Schwarm, Pirnaer Skulptur um 1600, Diss. Kiel 1996; G. Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen 1: Regierungsbezirk Dresden, München/Berlin 1996; A. Sturm (Hg.), Die Stadtkirche St. Marien zu Pirna, Pirna 2005; W. Bachmann/W. Hentschel, Die Stadt Pirna. Die Kunstdenkmäler des Freistaates Sachsen, Bd. 1, Dresden 1929. – Thieme/Becker, Bd. 29/30, Leipzig 1999, S. 380f.



Elisabeth Schwarm
1.12.2006


Empfohlene Zitierweise:

Elisabeth Schwarm, Schwencke (Schwenck, Schwenke), David, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (17.12.2017)

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