Müller (Müller-Löbau) Louis Curt
Lehrer, Volkskundler
* 14.2.1870 Chemnitz 16.5.1931 Dresden Löbau
VIngenieurMargarete, geb. Belau
GND: 142615617

M. besuchte 1877 bis 1884 die höhere Knabenschule in Chemnitz und anschließend 1884 bis 1890 das Lehrerseminar in Zschopau. Nach einer Tätigkeit als Volksschullehrer in Stötteritz bei Leipzig 1890 bis 1893 studierte er anschließend bis 1896 an der Leipziger Universität Pädagogik, Geografie, Philosophie und Germanistik. 1895 promovierte er mit einer Arbeit über „Die Staatenbildungen des oberen Uëlle- und Zwischenseengebietes“ zum Dr. phil. Nach dem Studium wirkte er 1896 bis 1908 als Lehrer an der Realschule in Löbau und im Anschluss bis 1916 an der 3. Realschule in Leipzig. In dieser Zeit wurde ihm der Professorentitel verliehen. Danach ging er erneut nach Löbau, wo er zunächst Oberlehrer und Stellvertreter des Direktors an der Realschule, später Studiendirektor an der Deutschen Oberschule war. Diese Stellung hatte er bis zu seinem Tod inne. – M. unterrichtete Deutsch, Geografie und Geschichte. Die sich daraus ergebende Verbindung von praktischer Unterrichtstätigkeit und volkskundlich-kulturgeschichtlicher Sammelarbeit, mit der er schon bei seinem Eintritt in den Schuldienst begonnen hatte, betrachtete er als eine ideale Konstellation. Daher strebte er nie einen Wechsel zu ausschließlich wissenschaftlicher Arbeit an. Das Spektrum seiner Interessen und Publikationen war außerordentlich breit gefächert. Im volkskundlichen Bereich beschäftigte er sich mit nahezu allen relevanten Phänomenen. Obwohl seine Veröffentlichungen zu den einzelnen Bereichen meist vom Sammlungsanliegen diktiert und weniger umfangreich waren, sind sie wissenschaftlich von Bedeutung. So werden in ihnen die jeweiligen Bereiche sachkundig vorgestellt und die Materialien in ihrer gesamtdeutschen Einbettung bzw. regionalen Spezifik sowie unter Berücksichtigung interethnischer Bezüge (Sorben/Deutsche) präsentiert. In verschiedenen Beiträgen äußerte sich M. ausführlich und kritisch zu zeitgenössischen Sammlungsmethoden. – M. verfügte über profunde Kenntnisse zu den „Kleinformen“ der Folklore (Kinderlied und -spiel, Sprichwörter, Sprüche, Redewendungen u.a.), die er systematisch dokumentierte. Seine umfangreiche, bereits druckfertig vorliegende Sammlung zum Kinderlied konnte der wissenschaftlichen Öffentlichkeit allerdings aus finanziellen Gründen nicht zugänglich gemacht werden. Bedauernd wies M. zudem darauf hin, dass in der von Robert Wuttke herausgegebenen „Sächsischen Volkskunde“ die deutsche Volksdichtung der Lausitz nicht angemessen vertreten ist. In seinen Beiträgen zur Bedeutung der Volkskunde erfasste er die Disziplin konzeptionell als Ethnologie der (einzelnen) europäischen Völker, wobei das Regional-Typische einschließlich der ethnischen Komponente („Stammeskundliches“) im Mittelpunkt seines konkreten Forschungsinteresses stand. Die der „nationalen Kulturgeschichte“ dienende Volkskunde betrachtete er als wesentlichen Bereich einer vorwiegend auf der Entwicklung der sozialen Gruppen basierenden „Entwicklungsgeschichte der Menschheit“. M. zufolge sollten Phänomene und Fakten untersucht werden, die als Gesamtwirkungen sozialer Gruppen (Stände, Stämme oder ein ganzes Volk) fungierten, z.B. Sprache, Volks- und Aberglaube, Volkspoesie oder die volkstümliche Kunst. Die vergleichsweise geringe Beachtung der Sachgüter bedeutete jedoch nicht deren Geringschätzung. Da diese stärker von äußeren Bedingungen abhängig waren, schienen sie ihm nur weniger geeignet, etwas Spezifisches über eine Gruppe auszusagen. Unverkennbar ist M.s Bindung an die Völkerpsychologie. Allerdings ist „Volksseele“ bei ihm ebenso wenig mystisch/mythisch unterlegt wie bei Karl Reuschel und Ernst Köhler. – Völkerkundliches Gedankengut und Interesse begleiteten M. sein ganzes Leben hindurch. Daneben eignete er sich auch systematisch Wissen aus anderen Disziplinen an. In den 1920er-Jahren veröffentlichte er neben volkskundlichen und pädagogischen Studien auch Beiträge zu Fragen der Kunstentstehung und -entwicklung, zur allgemeinen Kulturgeschichte sowie zu ökonomischen, sozialgeschichtlichen, politischen und religiösen Problemen. Die Bereitschaft, neues Wissen aufzunehmen, kritisch zu durchdenken und Vorurteile abzulegen, wird in M.s letzten Schaffensjahren besonders deutlich. So war es ihm beispielsweise möglich, frühere Anschauungen zu Krieg und Kolonialismus zu revidieren und entsprechende Schlussfolgerungen aus seinen Erkenntnissen zu ziehen. Völkerfreundschaft war ihm keine romantische Floskel, sondern eine Aufgabe, die nur auf wissenschaftlicher Grundlage, durch genaues Kennenlernen der Völker und Gruppen in ihrer historischen Entwicklung, angegangen werden konnte. Auch sozialen Problemen gegenüber war der Demokrat, der noch 1930 einen „deutschen Volksstaat“ mit einem Zweiparteiensystem auf der Grundlage der Weimarer Verfassung für machbar hielt, durchaus aufgeschlossen. Der Volksbegriff wurde von ihm alternierend ethnisch und/oder sozial verwendet. In seinen letzten Lebensjahren nutzte M. immer wieder die Gelegenheit, um in Wort und Schrift Toleranz anzumahnen und Krieg und Gewalt zu verurteilen. Dies geschah v.a. im Rahmen seiner umfangreichen Vereins- und Vortragstätigkeit, in die er viel Zeit und Kraft investierte. M. war u.a. Mitglied in folgenden Vereinen und Gesellschaften: Verein für Volkskunde in Berlin, Verein für Völkerkunde in Leipzig, Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, Gesellschaft für Lausitzer Schrifttum, Deutscher Sprachverein, Deutsche Friedensgesellschaft, Humboldt-Verein. Dem Verein für Sächsische Volkskunde gehörte er seit dessen konstituierender Sitzung 1897 als auswärtiger Beisitzer im Vorstand und Leiter der Ortsgruppe Löbau an, auch noch nach dessen Integrierung in den Landesverein Sächsischer Heimatschutz 1923. Da kulturelles Wissen und kulturelle Kreativität für M. Quellen des Friedens und der Lebensqualität waren, unterstützte er uneigennützig junge Künstler (Maler, Schriftsteller und Mundartdichter). Außerdem hat er museale Sammlungen und Ausstellungen publizistisch bekannt gemacht, häufig auch aktiv gefördert. Seine denkmalpflegerischen Ambitionen waren auf eine sinnvolle Bewahrung der dörflichen Bausubstanz in der Lausitz orientiert. Schon zu Lebzeiten genoss M. große wissenschaftliche und menschliche Anerkennung.



Q  Stadt Großenhain, Stadtarchiv; Universität Leipzig, Universitätsarchiv; Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde Dresden, Nachlass Curt Müller-Löbau.

W  Die Staatenbildungen des oberen Uëlle- und Zwischenseen-Gebietes, Diss. Leipzig 1897; Deutsche Volksdichtung in der Oberlausitz, in: Beilage zum XXV. Jahresbericht der Städtischen Realschule mit Progymnasium zu Löbau i.S., Löbau 1901, S. 65-85; (Hg.), Summerkalb’l fleug ock aus! Kinderreime aus der Oberlausitz. Ausgabe A, Görlitz 1922; (Hg.), Summerkalb’s Wedterflug. Kinderreime aus der Oberlausitz. Ausgabe D, Görlitz 1922; (Hg.), Sommerkälbchen fliege. Ein Buch für unsere Kleinen. Ausgabe B, Görlitz 1924; (Hg.), Summerkalb’l fleug ock aus! Kinderreime aus der Oberlausitz. Ausgabe C, Görlitz 1924.

L  H. Tögel, Prof. Dr. M., in: Neues Lausitzisches Magazin 107/1931, S. 221f.; H. Henkner, Prof. Dr. M., in: Sächsische Heimat 17/1971, S. 418-421; B. Emmrich, Von der Uëlle-Region zur Lausitz, in: dies., Heimatforschung, Spinnstuben-Performance und Hochschulseminar, Dresden 2001, S. 113-152 (P).

P  Curt M., Frontispiz, in: Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde 6/1931 (Bildquelle).



Brigitte Emmrich †
5.5.2011


Empfohlene Zitierweise:

Brigitte Emmrich †, Müller (Müller-Löbau), Louis Curt, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.4.2017)

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