Brühl Johanne Margarethe Christina (Jeanne Marguerite Christine, gen. Tina) Gräfin von
geb. Schleierweber (Schleyerweber), seit 1775 von Schleierweber und Friedenau
Schriftstellerin, Gartengestalterin
* 20./24.1.1756 Maubeuge (Frankreich) 3.5./7.1816 Berlin Kirche Seifersdorf, Familiengruft(ev.)
VPaul Ernst Schleierweber (Schleyerweber) († 1775), elsässischer PremierleutnantMMargaretha, geb. Spengler (1712-1790)GLouis (1746-1830)1771 Hans (Hanns) Moritz Christian Maximilian Clemens Graf von Brühl (1746-1811), Generalinspekteur, Rittergutsbesitzer, Übersetzer, ZeichnerSKarl Friedrich Moritz Paul (1772-1837), Theater-, später Museumsintendant in Berlin
GND: 139422110

Mit der Parkschöpfung Seifersdorfer Tal bei Dresden als Landschaftsgarten im Stil der Empfindsamkeit erlangte B., oder Tina, wie sie von Freunden genannt wurde, in Sachsen und über seine Grenzen hinaus Bedeutung. Als Schriftstellerin ist sie heute kaum noch bekannt. Ihre Publikationen sind schwer auffindbar, und ihre Person ist nur noch in speziellen Nachschlagewerken verzeichnet. Als ihre wichtigste Arbeit auf diesem Gebiet gilt die Antwort auf die „Philosophie des Catholicismus“ des Fürsten Charles Joseph de Ligne, die in ihrem Todesjahr in Berlin veröffentlicht wurde. B. genoss eine sorgfältige Erziehung. Die gesellschaftlichen Umgangsformen eignete sie sich als junges Mädchen u.a. am Hof der Fürstin Eleonore Christiane von Stolberg in Gedern/Hessen an. Zeitgenossen bezeichneten sie als sehr belesen und gebildet. Frühzeitig setzte sie sich mit religiösen Fragen auseinander. Ihre Kenntnisse der zeitgenössischen und v.a. der Literatur der Empfindsamkeit gingen über die gängige Lektüre zur Mädchenbildung hinaus. Dies sollte später in der Ausgestaltung des Seifersdorfer Tals seinen Niederschlag finden. Durch die Heirat mit Hans Moritz von Brühl kam B. 1771 nach Sachsen, wo sie auf dem Rittergut Seifersdorf die Aufgaben einer Gutsherrin mit der ihr eigenen Tatkraft und Initiative wahrnahm und bei Abwesenheit ihres Manns das Rittergut leitete. Ihre musischen und literarischen Vorlieben pflegte sie weiterhin: Sie sang, spielte Laute, trat bei Liebhaberaufführungen auf, organisierte ebensolche auch im Park und war schriftstellerisch tätig. – Das Seifersdorfer Tal und das Verwalterhaus beim Schloss in Seifersdorf, das dem Paar als Wohnhaus diente, wurden zwischen 1770 und 1790 Treffpunkt insbesondere der bürgerlichen Elite und von Künstlerpersönlichkeiten Dresdens, Weimars und Berlins. Darüber hinaus hielt B. diese Beziehungen über eine rege Korrespondenz aufrecht. Dem Weimarer und Karlsbader Kreis um Johann Wolfgang von Goethe standen sie und ihr Mann Hans Moritz nahe. – Bei der Umgestaltung des Tals zu einem landschaftlichen Park v.a. zwischen 1781 und 1791 folgte B. der Mode der Empfindsamkeit. Sie stattete das Tal mit Tempeln, Altären, Hütten, Ruheplätzen, einer Grotte und einer Kapelle aus und schmückte die Räume zusätzlich mit Kränzen, Blumenbändern, Medaillons, Bildern und Rauchgefäßen. Diese Gartenarchitekturen und -staffagen aus überwiegend unbeständigem Material waren Familienmitgliedern, Freunden, verehrten Künstler und Schriftstellern gewidmet. Die Familiendenkmäler dienten der Selbstdarstellung der Familie sowie der Erinnerung und Rehabilitation ihres Schwiegervaters, des ehemaligen Premierministers Heinrich Graf von Brühl. Die gängigen Vorstellungen der Aufklärung von Moral, Selbsterziehung, Freundschaft und Bildung sowie freimaurerisches Gedankengut fanden ihren Ausdruck in einer Vielzahl von Sinnsprüchen an Bänken, Bäumen und in den Gartenhäusern. Sie machten das Tal zu einer „pädagogischen Landschaft“ und führten den Besuchern die Belesenheit der Besitzer vor Augen. Diese Form der Gartengestaltung fand unter Gästen und Liebhabern der Gartenkunst unterschiedliche Resonanz - von vorbehaltloser Zustimmung über kritische Distanz bis hin zur Ablehnung. Im männlich dominierten Diskurs über die Gartenkunst wurde v.a. die fehlende Strenge bei der Anwendung der Stilprinzipien bemängelt sowie die Fülle der Ausstattungsgegenstände kritisiert. B. versuchte, sich mit ihren Arbeiten gegenüber der männlichen Bildungselite zu profilieren und sich in der adligen Gesellschaft, die der Neunobilitierten mit Distanz begegnete, zu positionieren. Dies polarisierte das Urteil der Zeitgenossen über B.s Persönlichkeit ebenso wie über ihr Parkwerk, das ihr als Frau die Möglichkeit zu aktivem und individuellem Handeln bot. – Ihre letzte Lebensjahre verbrachte B. in Berlin, wo sie im Juli 1816 starb.



Q  Standrede bei der Beisetzung ... der weiland hochgeborenen Frau Johanne Christine Margarethe Reichsgräfin von B. ..., gehalten in der Kirche zu Seifersdorf am 25. August 1816 von M. Johann Wilhelm Hilliger, Pastor zu Seifersdorf, Dresden o. J.; J. Petersen (Hg.), Goethes Briefe an Charlotte von Stein, Bd. 1,2, Leipzig 1923, S. 438; S. Seidel (Hg.), Schillers Werke, Bd. 33,1, Weimar 1989, S. 150f., 170; H. Reinhardt (Hg.), Johann Wolfgang Goethe. Das erste Weimarer Jahrzehnt, Bd. 2,2, Frankfurt/Main 1997, S. 408, 636, 1137; Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Handschriftenabteilung, Mscr. Dresd., App. 514, Brühl.

W  Maria Anna, Gräfin von Brühl, in: Journal für deutsche Frauen von deutschen Frauen geschrieben 6/1806, S. 9-37; Philosophie des Catholicismus von dem Fürsten von L ... Nebst der Antwort von Frau Gräfin M. v. B. ... und einer Vorrede des Herrn Dr. Marheinecke, Berlin 1816.

L  W. G. Becker, Das Seifersdorfer Thal, Leipzig 1792 (ND Leipzig 1977); G. Karo/M. Geyer (Hg.), Vor hundert Jahren, Stuttgart 1883; H. v. Krosigk, Karl Graf von Brühl. General-Intendant der Königlichen Schauspiele, später Museen in Berlin und seine Eltern, Berlin 1910; A. Grafe, Das Tal von Seifersdorf bei Radeberg, Dresden 1934 (P); K. Franz, Nachwort, in: K. J. Friedrich (Bearb.), Führer durch das berühmte Seifersdorfer Tal, Radeberg 1930 (ND Berlin 1994), S. 87-102 (P); J. Lauchner (Hg.), Carl Wilhelm Heinrich Lyncker. Ich diente am Weimarer Hof, Köln/Weimar 1997; C. Schatz, Aufklärung und Gartenkunst am Beispiel der Parkgestaltung des Seifersdorfer Tals durch die Familie von Brühl, Hamburg 2003 [MS]. – DBA I; C. W. Schindel, Die deutschen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, Bd. 1, Leipzig 1823, S. 65-67; C. Herloßsohn (Hg.), Damen Conversations-Lexicon, Bd. 2, Adorf 21846, S. 205; E. Friedrichs, Die deutschen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1981, S. 42.

P  Christina von B., A. Graff, 1796, Ölgemälde, Staatliche Kunstsammlung Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister, Galerienummer 3409; Christina Gräfin von B., geb. Schleyerweber, J. F. A. Darbes, Pastell, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Christine Schatz
14.3.2007


Empfohlene Zitierweise:

Christine Schatz, Brühl, Johanne Margarethe Christina (Jeanne Marguerite Christine, gen. Tina) Gräfin von, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (28.4.2017)

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