Großmann Christian Gottlob Leberecht
MdL, Superintendent in Leipzig, Oberhofprediger in Sachsen-Altenburg, Theologe, Gründer des Gustav-Adolf-Werks
* 9.11.1783 Prießnitz bei Naumburg 29.6.1857 Leipzig(ev.)
VJohann Gottlob (1740-1824), PfarrerMJohanna Eleonora Wilhelmina, geb. Börner (1761-1836)1814 Henriette Auguste Sophie, geb. Doering (1793-1872)SAdolf Bernhard Karl, Pfarrer, SuperintendentT3 u.a. Clara Eugenie (* 1824)
GND: 116871881

Eine über Deutschland hinaus reichende Bedeutung erlangte G. als maßgeblicher Gründungsvater und langjähriger Vorsitzender des Gustav-Adolf-Vereins (seit 1992 Gustav-Adolf-Werk e.V.), des ältesten evangelischen Hilfswerks für protestantische Minderheitskirchen in der Diaspora. Wichtig für die evangelische Kirche in Sachsen war zudem sein Engagement für die Einführung der Presbyterial- und Synodalverfassung, die den Laien eine gleichberechtigte Beteiligung bei der Gestaltung des kirchlichen Lebens ermöglichte. – Nach dem Besuch der Fürstenschule Schulpforte 1796 bis 1802 studierte G. in Jena Theologie, musste jedoch aufgrund der Notsituation in der napoleonischen Ära von der angestrebten akademischen Laufbahn Abstand nehmen. Stattdessen wurde er 1808 Substitut seines Vaters in Prießnitz, bevor er 1811 eine eigene Pfarrstelle in Gröbitz bei Weißenfels übernahm. Von hier wechselte G. 1822 als Diakon und Professor nach Schulpforte, um bereits im Folgejahr als Generalsuperintendent und Oberhofprediger nach Altenburg zu gehen. Als er schließlich zum Neujahrstag 1829 die Nachfolge des verstorbenen Leipziger Superintendenten Heinrich Gottlieb Tzschirner antrat, eröffnete sich ihm die Chance, die akademische Laufbahn wieder aufzunehmen. Bei seiner im Herbst 1828 erfolgten Berufung bestand G. erfolgreich darauf, dass das Amt wie bei seinen Vorgängern mit einer Theologieprofessur verbunden blieb. Noch im September 1828 verlieh ihm die Theologische Fakultät mit Hinweis auf seine Veröffentlichungen die Doktorwürde. Bereits am 15.9.1829 verteidigte G. seine Streitschrift über den jüdisch-hellenistischen Philosophen Philo von Alexandria und hielt am Folgetag seine Antrittsvorlesung. Als Theologieprofessor las G. bevorzugt über neutestamentliche Exegese und Zeitgeschichte, aber auch über sächsisches Kirchenrecht und Themen aus der systematischen und praktischen Theologie. – G.s Ämterfülle schränkte sein akademisches Wirken ein. Entsprechend der sächsischen Verfassung von 1831 gehörte er als Leipziger Superintendent der Ersten Kammer des Landtags an, weiterhin war er Mitglied des Leipziger Konsistoriums sowie der Kreisdirektion und des Appellationsgerichts. – G. vertrat gemäßigt liberale Anschauungen. Im Landtag setzte er sich u.a. für die Abschaffung der Todesstrafe ein und lieferte sich wegen der Mischehe-Frage heftige Kontroversen mit der katholischen Geistlichkeit. Sein theologisches Verständnis war geprägt durch die stark von der Immanuel-Kant-Rezeption bestimmten Jenaer Theologie. In diesem Sinn orientierte sich G. einerseits an den Schriften Martin Luthers und an den symbolischen Büchern seiner Kirche, lehnte andererseits aber jeglichen „Zelotismus“ (Glaubenseifertum) sowie radikale theologische Richtungen ab, da er in ihnen die Gefahr der Spaltung und Parteibildung unter Geistlichen und Gemeinden erblickte. Stattdessen bezog er in strittigen dogmatischen Fragen eine theologisch vermittelnde Haltung. Diese Positionierung brachte ihm zu Unrecht zuweilen den Vorwurf des konfessionellen Indifferentismus ein, etwa im Zusammenhang mit den Unruhen, die in Leipzig während des Confessio-Augustana-Jubiläums 1830 ausbrachen. – Mit G.s theologischer Einstellung korrespondierte eine Offenheit für die Zusammenarbeit mit allen protestantischen Gruppierungen, wie sie prägend für den Gustav-Adolf-Verein wurde. Dessen Gründung vollzog sich in mehreren Etappen: Am 6.11.1832, auf einer Gedenkfeier zum 200. Todestag des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf, entstand die Idee, dem zum Retter des deutschen Protestantismus stilisierten Monarchen ein Denkmal zu setzen. Die Initiatoren dieses Vorhabens bestimmten G. und den Archidiakon der Leipziger Thomaskirche, Johann David Goldhorn, zum Verantwortlichen für eine entsprechende Sammlung in Leipzig und Umgebung. Nachdem der Denkmalsplan bis Ende 1832 wegen der Kosten des Projekts heftige Diskussionen hervorrief, sprach sich u.a. der Leipziger Kaufmann Christian August Schild für eine deutschlandweite Sammlung aus, deren Erträge zur unentgeltlichen Bildung protestantischer junger Männer oder für ähnliche Zwecke zu verwenden seien. Diese Idee aufgreifend schlug G. eine Stiftung zur Förderung evangelischer Gemeinden in katholischen Ländern vor. Damit formulierte er das Hilfsanliegen des Gustav-Adolf-Vereins, das in den am 4.10.1834 genehmigten Statuten festgeschrieben wurde und noch in der Gegenwart für die Arbeit des Gustav-Adolf-Werks Gültigkeit besitzt.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, Parlamentarische Körperschaften, Landtagsakten.

W  Quaestiones Philoneae, 2 Bde., Leipzig 1829; Über eine Reformation der protestantischen Kirchenverfassung im Königreich Sachsen, Leipzig 1833; De Judaeorum disciplina arcani, 2 Teile, Leipzig/Staritz 1833; De philosophia Sadducaeorum, 4 Teile, Leipzig/Staritz 1836-1839; Die wahren Verhältnisse der katholischen Kirche in Sachsen, Dresden 1840; Petition an die Königlich Sächsische hohe Ständeversammlung, Leipzig 1843.

L  Berichte über die Hauptversammlungen des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung 1/1842-14/1857; G. Fuchs, Christian Gottlob Leberecht G., Leipzig 1907; A. Rotter, Der Leipziger Theologe Christian Gottlob Leberecht G. als Gründer der Gustav-Adolf-Stiftung, in: A. Gößner (Hg.), Die Theologische Fakultät der Universität Leipzig, Leipzig 2005, S. 239-251; dies., G. und die Gründung der Gustav-Adolf-Stiftung, in: Die evangelische Diaspora 72/2003, S. 110-130; dies., Christian Gottlob Leberecht G. (1783-1857), Leipzig 2009. – ADB 9, S. 751; BBKL 2, S. 360f.; DBA I, II, III; DBE 4, S. 196f.; NDB 7, S. 155f.; A. Hauck (Hg.), Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. 7, Leipzig 1899, S. 199f., Bd. 13, Leipzig 1903, S. 602.

P  F. Dittmar, Lithografie, 1833, Franckesche Stiftungen zu Halle/Saale; H. Knaur, Marmorbüste, Thomaskirche in Leipzig; C. Lutherer, Lithografie, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Wolfgang Flügel
30.8.2010


Empfohlene Zitierweise:

Wolfgang Flügel, Großmann, Christian Gottlob Leberecht, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (26.6.2017)

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