Heyne Christian Gottlob
Altertumswissenschaftler, Philologe, Professor der Eloquenz, Bibliothekar, Dichter
* 25.9.1729 Chemnitz 14.7.1812 Göttingen Göttingen, Bartholomäusfriedhof(ev.)
VGeorg († 1754), LeineweberMElisabeth, geb. Schreyer († 1786) 1.1761 Therese, geb. Weiß (1730-1775), Tochter des Dresdner Lautenisten Silvius Leopold WeißSCarl (1762-1796), Oberstabsmedikus, russischer HofratTTherese, verw. Forster, verh. Huber (1764-1829), Schriftstellerin; Marianne, verh. Reuß (1750-1837) 2.1777 Ernestine Georgine, geb. Brandes (1753-1834)S2T4 u.a. Wilhelmine, verh. Heeren (1779-1861)
GND: 11855073X

Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, besuchte H. zusammen mit dem späteren Dresdner Bibliothekar Karl Christian Canzler die Chemnitzer Lateinschule. Ab 1748 hörte er an der Universität Leipzig juristische und philologische Vorlesungen. Zu seinen Lehrern zählten Johann August Ernesti sowie Johann Friedrich Christ, der die Archäologie als Studienfach eingeführt hatte. Juristische Unterweisungen erhielt H. durch Johann August Bach. Alle drei Professoren erwarben sich Verdienste mit der Herausgabe antiker Texte und legten somit ein Fundament für H.s eigene Publikationen auf diesem Gebiet. Davon zeugen seine Übersetzungen der Schriften von Albius Tibullus (1755) und Epiktet (1756). Nach Abschluss des Studiums erhielt H. 1753 eine Stelle als Kopist an der Bibliothek Heinrich Graf von Brühls in Dresden mit einem Jahresgehalt von 100 Talern. Hier begegnete er Johann Joachim Winckelmann, der damals in der Bibliothek Heinrich Graf von Bünaus tätig war und Literatur aus der Brühlschen Privatsammlung auslieh. Da seine Anwartschaft auf die Zweite Bibliothekarsstelle an der kurfürstlichen Bibliothek nicht in eine feste Anstellung umgewandelt wurde, das Gehalt bei Brühl gering war und H. 1760 fast seine gesamte Habe durch den preußischen Kanonenbeschuss der sächsischen Residenz verlor, nahm er 1763 als Nachfolger von Johann Matthias Gesner den Ruf nach Göttingen als Professor der Poesie und Beredsamkeit an. Trotz verlockender Angebote, u.a. aus Dresden (als Oberbibliothekar) oder Kopenhagen, übte er dieses Amt bis 1809 aus. Hinzu kamen die Leitung des Philologischen Seminars, die Tätigkeit als Universitätsbibliothekar und die Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Wissenschaften. Die „Göttingischen gelehrten Anzeigen“ erlebten durch H.s redaktionelle Arbeit einen Aufschwung und wurden zu einer der führenden literaturkritischen Zeitschriften. Für diese verfasste er tausende eigene Besprechungen bzw. bemühte sich um kompetente Rezensenten. Der Aufbau des alphabetischen Nominalkatalogs der Göttinger Universitätsbibliothek 1777 bis 1787, der für seine Zeit Vorbildcharakter besaß, geht ebenfalls auf H. zurück. Zudem gelang es ihm, den Bestand von 60.000 Bänden innerhalb von zwölf Jahren auf 200.000 Bände zu erweitern. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Institut in Deutschland zur führenden wissenschaftlichen Bibliothek der Aufklärung. Darüber hinaus gilt H. als Begründer der sog. realen Disziplinen der klassischen Philologie, die das gesamte antike Kulturleben in Mythologie, politischer und Kulturgeschichte sowie Kunst- und Sprachdenkmälern erfassten. Er war Mitherausgeber der ersten Gesamtausgabe der Werke von Johann Gottfried Herder, mit dem er zeitlebens in Kontakt stand. Mit Gotthold Ephraim Lessing, dessen schriftstellerische Werke er bewunderte und auf dessen Urteil er großen Wert legte, war er freundschaftlich verbunden. Durch seine Tätigkeiten als Inspektor des städtischen Göttinger Pädagogiums und der alten Klosterschule Ilfeld trug H. wesentlich zur Reform des Schulwesens in Norddeutschland bei. – H. war Mitglied von 30 wissenschaftlichen Vereinigungen, darunter der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der Schwedischen Akademie der Inschriften und der Altertümer in Stockholm, der Académie des Inscriptions in Paris, der Academia delle scienze e delle arti in Mantua (ital. Mantova) und der Société des naturalistes in Moskau. 1810 wurde er zum Ritter des Ordens der Westfälischen Krone ernannt.



W  Ad Apollodori Atheniensis bibliothecam notae, 3 Bde., Göttingen 1783; Opuscula academica collecta, 6 Bde., Göttingen 1785-1812 (ND Hildesheim 1997); mit J. H. W. Tischbein, Homer nach Antiken gezeichnet, Göttingen 1801; (Hg.), Homeri Carmina, 9 Bde., Leipzig 1802-1822; Ad Apollodori Bibliothecam observationes, Göttingen 1803.

L  A. H. L. Heeren, Christian Gottlob H., Göttingen 1813; F. Leo, H., in: Festschrift zur Feier des hundertfünfzigjährigen Bestehens der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1901, S. 153-234; A. Hessel, H. als Bibliothekar, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 45/1928, S. 455-470; F. Klingner, Christian Gottlob H., Leipzig 1937; K. Assmann (Hg.), Sächsische Landesbibliothek Dresden 1556-1956, Leipzig 1956, S. 240; E. Barth, Christian Gottlob H., in: Sächsische Heimatblätter 8/1962, S. 1-12; B. Bendach (Bearb.), Christian Gottlob H., Göttingen 1979; Der Vormann der Georgia Augusta, Göttingen 1980 (WV, P); C. Kind-Doerne, Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Wiesbaden 1986; T. Huber/M. Heuser (Bearb.), Briefe, Bd. 1: 1774-1803, Tübingen 1999; W. Böker, Christian Gottlob H. und das Haus Papendiek 16, in: Göttinger Jahrbuch 50/2002, S. 93-111; M. Vöhler, Christian Gottlob H. und das Studium des Altertums in Deutschland, in: G. W. Most (Hg.), Disciplining classics - Altertumswissenschaft als Beruf, Göttingen 2002, S. 39-54; M. Heidenreich, Christian Gottlob H. und die Alte Geschichte, München/Leipzig 2006; D. Graepler, Das Studium des schönen Altertums, Göttingen 2007. – ADB 12, S. 375-378; DBA I, II, III; DBE 5, S. 26; NDB 9, S. 93-95; K. Bader, Lexikon deutscher Bibliothekare im Haupt- und Nebenamt bei Fürsten, Staaten und Städten, Leipzig 1925, S. 106f.; T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 109 (P).

P  Christian Gottlob H., J. H. Tischbein d.Ä., 1772, Öl auf Leinwand, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle); Christian Gottlob H., J. H. W. Tischbein, um 1800, Öl auf Leinwand, Landesbibliothek Eutin.



Katrin Nitzschke
26.8.2010


Empfohlene Zitierweise:

Katrin Nitzschke, Heyne, Christian Gottlob, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (27.5.2017)

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