Boden Klara Charlotte
Bibliothekarin, Bibliotheksdirektorin, Museumsleiterin
* 15.1.1900 Dresden 9.2.1994 Dresden Dresden, Johannisfriedhof Tolkewitz(ev.)
VKarl August Heinrich, Musterzeichner, Inhaber eines Ateliers für Tapetenzeichnung und einer Tapetenfabrikation
GND: 122900871

B. besuchte bis zu ihrem Abitur 1921 mehrere Höhere Gesamt- und Mädchenschulen in Dresden und Blasewitz bei Dresden. Seit ihrer frühen Jugend war sie in der Wandervogelbewegung aktiv. Während des Ersten Weltkriegs beobachtete sie als junge Frau die soziale, oft bedrückende Lage der Frauen in Deutschland und entschied sich für ein Jura-Studium, um als Anwältin für Kinder und Frauen tätig werden zu können. Beeinflusst wurde sie von Ideen der Berliner Frauenrechtlerin Helene Lange. In Jena und Leipzig studierte B. daher Rechts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften und legte 1925 die Erste juristische Staatsprüfung ab. Im Dezember 1927 wurde sie von der Universität Leipzig zum Dr. iur. promoviert. Während des Studiums entstand durch die Benutzung der Reichsgerichtsbibliothek ihre Affinität zu Büchern, die die Intention ihres Studiums verändern ließ. Bereits ein Jahr vor der Promotion trat B. deshalb am 1.10.1926 als Volontärin in die Stadtbibliothek und Bibliothek der Gehe-Stiftung Dresden ein, die damals ca. 190.000 Bände umfasste. Ab 1.10.1927 absolvierte sie das zweite Volontariatsjahr an der Universitätsbibliothek Leipzig. Dort wurde sie v.a. von Otto Glauning beeinflusst, einem Handschriften- und Einbandexperten. B. legte 1928 das Examen für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken ab und wurde zum 15.11.1928 als Hilfsarbeiterin an der Stadtbibliothek und der Bibliothek der Gehe-Stiftung Dresden eingestellt. Am 1.12.1929 wechselte sie auf eine Hilfsarbeiterstelle in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden (SLB). Diese hatte sie bis zum 14.10.1940 inne und profilierte sich v.a. im Bereich der Buchkunst und -illustration (besonders von Kinderbüchern) sowie im Buchmuseum der SLB. Sie wirkte u.a. bei den Ausstellungen „Handwerk“ (1937), „Die Welt im Kartenbild“ (1937), „Unser Erzgebirge in Buch und Bild“ (1938), bei der Schopenhauer-Ausstellung (1938) und „Reisen und Entdeckungen“ (1939) mit. Nachdem Erhart Kästner 1936 eine Anstellung als Privatsekretär von Gerhart Hauptmann erhalten hatte, übernahm B. die Leitung des Buchmuseums, zunächst kommissarisch, ab 1939 ordentlich. Zum 16.10.1940 wechselte sie als Leiterin an die Gemeinschaftliche Ministerialbücherei (Zentralbücherei der Landesregierung), weil sie damit eine Beamtenstelle erwarb. Außerdem hatte sich nach dem Abschied des Direktors Martin Bollert das Betriebsklima in der Landesbibliothek verändert. B. wurde am 1.10.1941 zur Bibliotheksrätin ernannt. Ihr gelang es, durch rechtzeitige Auslagerung von Bibliotheksbeständen große Teile der Bücherei zu retten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete B. beim Landeshauptarchiv in Dresden, beim Landesverband der LDPD und als Rechtsberaterin für Frauen. Ab 1946 war sie bis zur Verwaltungsreform in der DDR 1952 wieder in der Zentralbibliothek der Landesregierung Sachsen unter dem Direktorat ihres ehemaligen Landesbibliothekskollegen Hubert Richter tätig. Nach dessen Tod wurde ihr 1948 die Leitung übertragen. Seit dem 1.1.1953 amtierte sie als Direktorin der Bibliothek der 1952 gegründeten Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ in Dresden. Darüber hinaus engagierte sie sich u.a. in der Rechtskommission des Bibliotheksverbands der DDR und war an der Ausarbeitung von Gesetzentwürfen und Arbeitsanweisungen beteiligt, z.B. am „Rechts-ABC für Bibliothekare“, das 1975 und 1983 in zwei Auflagen erschien. Außerdem war B. Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für technisch-wissenschaftliche Bibliotheken. Erst am 1.1.1970 trat sie in den Ruhestand. Nach ihrer Pensionierung separierte sie noch bis 1986 in der Deutschen Staatsbibliothek Berlin für mehrere Jahre kostbare Bücher aus dem Normalbestand, die in der 1975 gegründeten „Abteilung für seltene und kostbare Drucke“ systematisch erfasst wurden. In den 1990er-Jahren stellte sie zusammen mit Horst Kunze den Kontakt zwischen SLB und der Kinderbuchsammlerin Annemarie Verweyen her, die 1998 ihre 10.000 Bände umfassende Sammlung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek stiftete. – B. publizierte 40 Beiträge, vorwiegend zu Rechtsfragen im Bibliothekswesen und über Bibliophilie.



W  Der Anspruch des Ehegatten auf Herstellung der ehelichen Lebensgemeinschaft nach deutschem Recht, im Vergleich mit den neuen skandinavischen Ehegesetzen, Diss. Leipzig 1927; Der Biographische Katalog und das Personalrepertorium der Sächsischen Landesbibliothek, in: H. Neubert (Hg.), Festschrift, Martin Bollert zum 60. Geburtstage, Dresden 1936, S. 21-37; Das Buchmuseum in den Semper-Räumen des Japanischen Palais, in: H. Hofmann (Red.), Festschrift Martin Bollert zum achtzigsten Geburtstag am 11. Oktober 1956, Dresden 1956, S. 46-51; Das Schumann-Album. Eine Kostbarkeit der Sächsischen Landesbibliothek, in: Marginalien 4/1960, H. 8, S. 8-23; Kleines ABC rechtlicher Regelungen für Bibliothekare, Berlin 1967; mit H. Werner u.a., Rechts-ABC für Bibliothekare, Leipzig 1975, ²1983.

L  Charlotte B., in: Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken 34/1950, S. 155; Zusammenstellung der Veröffentlichungen von Dr. Charlotte B. aus Anlaß ihres 80. Geburtstages am 15.1.1980, hrsg. von der Bibliothek der Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ Dresden, Dresden 1979 (WV); H. Zesewitz, Nachruf Charlotte B. 1900-1994, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 41/1994, H. 3, S. 366-368; H. Voigt, Erinnerung an Charlotte B., Freital 2000 (Bildquelle). – T. Bürger/K. Hermann (Hg.), Das ABC der SLUB, Dresden 2006, S. 40.

P  Charlotte B., A. Kästner, um 1929, Fotografie, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek.



Konstantin Hermann
19.1.2011


Empfohlene Zitierweise:

Konstantin Hermann, Boden, Klara Charlotte, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (1.5.2017)

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