Roßbach Arwed
Architekt
* 24.11.1844 Plauen 31.12.1902 Leipzig Leipzig, Neuer Johannisfriedhof(ev.)
VErnst Otto, Brandversicherungs- und Bauinspektor, Direktor der Baugewerkeschule PlauenMWilhelmine, geb. Mälzer 1.1870 Helene, geb. Albrecht († 1887)SFritz († 1904); Max (* 1871), Maler, Kunstgewerbler in MünchenTDora 2.Therese, geb. Sembritzki
GND: 121137481





Der in Leipzig tätige R. war ein bedeutender Architekt des deutschen Historismus. Mit seinen großstädtischen Universitäts- und Geschäftshausbauten prägte er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts das Stadtbild Leipzigs. Seine Villen und Wohnhäuser überzeugen durch meisterhafte Grundrisslösungen und ausgewogene Fassadengestaltungen. R. konnte die historischen Stilformen variabel einsetzen, bevorzugte allerdings den Baustil der italienischen Renaissance. In Leipzig war R. bis zu seinem frühen Tod der bekannteste und gefragteste Architekt. – Nach dem Besuch des Plauener Gymnasiums und einem halbjährigen Praktikum im Bauhandwerk ging R. 1861 nach Dresden, um an der Kunstakademie Architektur zu studieren. Sein Lehrer Hermann Nicolai machte ihn mit der klassizistischen Baukunst und mit der Architektur Gottfried Sempers vertraut. Nach Abschluss des Studiums 1866 entschied sich R., nach Berlin zu gehen, um bei dem preußischen Oberbaurat Carl Ferdinand Langhans praktische Erfahrungen zu sammeln. Unter dessen Leitung war R. zweiter Bauführer beim Bau des Leipziger Stadttheaters am Augustusplatz. 1870 siedelte der junge Architekt endgültig nach Leipzig über, wo er die Firma Roßbach & Lüders gründete, die aber nur kurzzeitig bestand. 1876 trat er als Teilhaber in die Baufirma Bauer & Roßbach ein, die aus einem Baugeschäft und dem von R. geleiteten Architekturbüro bestand. Nach dem Tod Robert Bauers 1880 führte R. die Firma bis 1892 weiter, gab aber dann das Baugeschäft auf. – R. baute zunächst Villen und Wohnhäuser für das gehobene Leipziger Bürgertum, und weil er es verstand, genau auf die Bedürfnisse und den Geschmack der Bauherren einzugehen, hatte er großen Erfolg. Die frühen Wohnbauten, darunter die Villen Hiersche (1871), Seyfferth (1874/75) und Holstein (1874/75), folgen noch dem klassizistischen Baustil, während später reicher gestaltete Villen mit Motiven der französischen und italienischen Renaissance entstanden. Die Villa d’Avignon (1880/81), die Villa Gebhardt (1880/81), das Mietshaus Dittrichring 2 (1892/93), das Wohnhaus Beethovenstraße 8 (1892/93) und die Villa Rehwoldt (1894/95) sind durch Veranden, Erker, Balkone und aufwändig geformte Dächer reich untergliedert. Die meisten seiner Villen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. – Der Wettbewerb zum Bau der Universitätsbibliothek in Leipzig, den R. 1885 für sich entscheiden konnte, brachte dem Architekten bedeutende Aufträge ein, die ihn weit über Leipzig hinaus bekannt machten. Die Universitätsbibliothek an der Beethovenstraße (1888-1891, 1992-2002 saniert und wieder aufgebaut) und das Augusteum am Augustusplatz (1892-1897, 1968 abgebrochen) sind im Baustil der italienischen Renaissance errichtet, den R. meisterhaft beherrschte. Die Paulinerkirche erhielt eine neue Chorfassade (1897/98), die dem Dom von Orvieto (Italien) nachempfunden war und die zusammen mit dem Augusteum eine städtebaulich großartige Platzfront bildete. Als Universitätsbaumeister errichtete R. ferner die Neue Frauenklinik (1888-1891), das Kinderkrankenhaus (1888-1890) und einen Neubau für das Rote Kolleg in der Ritterstraße (1891/92). Das Königliche Palais wurde durch ihn 1886 neu ausgestaltet. Anlässlich der Einweihung des neuen Universitätsgebäudes am Augustusplatz verlieh im die Universität 1897 die Ehrendoktorwürde. – Die Geschäftshäuser, die R. in der Leipziger Innenstadt errichtete, zeichnen sich durch ihre gelungene Einordnung in den Stadtgrundriss aus. Mit den Geschäftshäusern Polich (1886/87, 1936 abgebrochen) und Klinger (1887/88) in der Peterstraße wurden markante Ecksituationen geschaffen. Das Gebäude der Deutschen Bank am Martin-Luther-Ring (1898-1901) überzeugt durch seine imposante, den umgebenden Stadtraum beherrschende Architektur. Auf R. gehen auch das Haus der Harmonie-Gesellschaft am Roßplatz (1885, zerstört), das Haus des Vereins für Volkswohl in der Löhrstraße (1887-1889) und die Alberthalle des Kristallpalasts (1886/87, zerstört) zurück. Die zweitürmige Taborkirche in Leipzig-Kleinzschocher (1901-1904) blieb R.s einziger Kirchenbau. Das neoromanische Bauwerk zeigt eine beachtliche künstlerische Qualität, die auch in dem reichen plastischen Schmuck begründet ist. Um die Wohnsituation für Arbeiterfamilien zu verbessern, baute der sozial engagierte R. die Arbeiterhäuser der Salomonstiftung in Leipzig-Reudnitz (1890/91, 1899/1900) und des Ostheim-Vereins in Leipzig-Sellerhausen (1898-1905). Den Ostheim-Verein hatte R. selbst gegründet. – R. genoss in Sachsen hohe Anerkennung, was sich auch in prominenten Aufträgen außerhalb von Leipzig äußerte. Er errichtete das Amtsgericht an der Lothringer Straße in Dresden (1890-1892, heute Oberlandesgericht und Landgericht) und das Theater in seiner Heimatstadt Plauen (1898/99, zerstört), erweiterte die Schlösser Kötteritzsch bei Colditz (1882/83) und Thallwitz bei Eilenburg (1880) und baute das spätgotische Domherrenhaus am Untermarkt in Freiberg zum Stadt- und Bergbaumuseum um (1900-1902). Für das Rathaus in Crimmitschau (1891/92) wählte R. eine barocke Stilfassung, während er das Volkshaus in Jena (1900-1903), erbaut durch die Carl-Zeiss-Stiftung, im Stil der frühen mitteldeutschen Renaissance gestaltete. – Am öffentlichen Leben beteiligte sich R. durch die Mitgliedschaft in zahlreichen Vereinen. Er war langjähriges Mitglied der Leipziger Stadtverordnetenversammlung. 1891 wurde er zum königlich sächsischen Baurat ernannt und zum Stadtrat gewählt. Der vielbeschäftigte Architekt, der sich im Sommer gern in das von ihm erbaute Landhaus Sonnenköpfel auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden zurückzog, starb am Silvesterabend 1902. Nach ihm wurden in Leipzig eine Straße und ein berufliches Schulzentrum benannt.



W  Villa Hiersche Leipzig, 1871; Villa Seyfferth Leipzig, 1874/75; Villa Holstein Leipzig, 1874/75; Schloss Thallwitz, Erweiterung, 1880; Villa d’Avignon Leipzig, 1880/81; Villa Gebhardt Leipzig, 1880/81; Schloss Kötteritzsch, Erweiterung und Umbau, 1882/83; Haus der Harmonie-Gesellschaft Leipzig, 1885, zerstört; Königliches Palais Leipzig, Innengestaltung, 1886; Geschäftshaus Polich Leipzig, 1886/87, 1936 abgebrochen; Kristallpalast Leipzig, Alberthalle, 1886/87; Haus des Vereins für Volkswohl Leipzig, 1887-1889; Geschäftshaus Klinger Leipzig, 1887/88; Kinderkrankenhaus Leipzig, 1888-1890; Neue Frauenklinik Leipzig, 1888-1891; Universitätsbibliothek Leipzig, 1888-1891, 1992-2002 saniert und wiederaufgebaut; Arbeiterhäuser der Salomonstiftung Leipzig-Reudnitz, 1890/91, 1899/1900; Amtsgericht Dresden, 1890-1892; Rathaus Crimmitschau, 1891/92; Rotes Kolleg Leipzig, Neubau, 1891/92; Augusteum Leipzig, 1892-1897, 1968 abgebrochen; Mietshaus Dittrichring 2 Leipzig, 1892/93; Wohnhaus Beethovenstraße 8 Leipzig, 1892/93; Villa Rehwoldt Leipzig, 1894/95; Paulinerkirche Leipzig, Erneuerung der Chorfassade, 1897/98; Stadttheater Plauen, 1898/99, zerstört; Arbeiterhäuser des Ostheim-Vereins Leipzig-Sellerhausen, 1898-1905; Gebäude der Deutschen Bank Martin-Luther-Ring Leipzig, 1898-1901; Domherrenhaus Freiberg, Umbau zum Stadt- und Bergbaumuseum, 1900-1902; Volkshaus Jena, 1900-1903; Taborkirche Leipzig-Kleinzschocher, 1901-1904.

L  Arwed R. †, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 23/1903, S. 19f.; R. Bruck, Arwed R. und seine Bauten, Berlin 1904; F. Löffler, Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, Leipzig 1981; V. Helas, Architektur in Dresden 1800-1900, Braunschweig/Wiesbaden 1985; U. König, Das Wirken des Architekten Arwed R. in Leipzig im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, Diplomarbeit Leipzig 1988 [MS]; H. Magirius, Geschichte der Denkmalpflege. Sachsen, Berlin 1989; H. Mai, Kirchen in Sachsen. Vom Klassizismus bis zum Jugendstil, Berlin/Leipzig 1992; Die Bau- und Kunstdenkmäler von Sachsen. Stadt Leipzig. Die Sakralbauten, 2 Bde., hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, München/Berlin 1995. – DBA II; DBE 8, S. 405; Thieme/Becker, Bd. 29, Leipzig 1999, S. 33.

P  G. Wustmann, Bilderbuch aus der Geschichte der Stadt Leipzig für alt und jung, Leipzig 1897 (Bildquelle).



Matthias Donath
12.6.2012


Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Roßbach, Arwed, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (17.12.2017)

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