Anton Egon Fürst von Fürstenberg-Heiligenberg
Statthalter in Sachsen
* 23.4.1656 München 10.10.1716 Wermsdorf Kloster Marienstern(kath.)
VHermann Egon (1628-1674), kurbayerischer ObersthofmeisterMMaria Franziska, geb. Gräfin von Fürstenberg-StühlingenGFelix Egon, Administrator der gefürsteten Abteien Murbach und Lüders, Domherr in Köln und Straßburg; Ferdinand Maximilian Egon, Domherr in Köln und Straßburg, französischer General; Emanuel Franz Egon, Domherr in Köln und Straßburg, bayerischer Oberst; Anna Adelheid; Maria Franziska1677 Marie, geb. Gräfin de Ligny († 1711), Nichte König Ludwigs XIV.TPhilippe Louise; Louise; Maria Franziska
GND: 104137789

Der aus dem südwestdeutschen Reichsadel stammende A. nahm als Statthalter in Sachsen im Kontext der 1697 begründeten sächsisch-polnischen Personalunion zeitweilig eine zentrale Rolle ein. Als Landfremder außerhalb und als Reichsfürst weit über dem einheimischen Adel stehend, hatte er auch in zeremonieller Hinsicht die häufige Abwesenheit des Herrschers zu kaschieren. Welterfahren und um die Interessen des sächsischen Kurstaats bemüht, entspricht er keineswegs dem Bild des charakterlosen, intriganten Höflings, das von ihm gezeichnet wurde und teilweise noch immer die Beurteilung seiner Persönlichkeit beeinflusst. – 1671 reiste A. mit seinem Onkel, dem späteren Kardinal Wilhelm Egon von Fürstenberg, nach Frankreich, um König Ludwig XIV. vorgestellt zu werden. Sein Onkel und dessen gleichfalls antihabsburgisch eingestellter Bruder Franz Egon, Bischof von Straßburg, waren nach dem frühen Tod des Vaters seine Erzieher. Von Rom aus, wohin ihn seine Kavalierstour Ende 1674 geführt hatte, bemühte sich A. jedoch frühzeitig um Distanz zu seinen beiden Heiligenberger Onkeln und um Protektion des kaisertreuen Froben Maria aus der Messkirchner Linie des Hauses Fürstenberg. 1676 für volljährig erklärt, nahm er in Paris den erst von seinem Vater 1664 erworbenen Reichsfürstenstand an. 1677 heiratete A. dort mit der reich begüterten Marie de Ligny eine Nichte Ludwigs XIV. - eine unerhörte Provokation des Wiener Hofs. Nachdem Frankreich bereits 1674 zum Reichsfeind erklärt worden war, reagierte der Kaiser auf diese Eheschließung mit voller Härte: A. wurde seiner landesherrlichen Rechte entsetzt, seine Güter in Schwaben und Österreich wurden sequestriert, die Heiligenberger Virilstimme im Reichsfürstenrat suspendiert. Damit verlor er nicht nur den Großteil seiner Einkünfte, auch die Reputation des Gesamthauses wurde schwer beschädigt. Nicht zuletzt dank der Unterstützung mehrerer Kurfürsten erreichte A. im Nymwegener Friedensvertrag mit Frankreich 1679 seine vollständige Restitution. Nach seiner Rehabilitierung lebte er in Wien, Paris, München und auf seiner Herrschaft Weitra (Österreich), bis er 1691 überraschend vom kaiserlichen Hof verbannt wurde. Der Grund dafür dürfte in der Gegnerschaft einflussreicher Hofkreise zu suchen sein, die mit der Politik seines Onkels Wilhelm Egon, die wesentlich den neuen Krieg mit Frankreich ausgelöst hatte, unzufrieden waren. 1692 rehabilitiert, konnte A. in der Verwaltung der ungarischen Bergwerke Erfahrungen sammeln. Ohne große Hoffnung auf eine angemessene kaiserliche Hofcharge erreichte ihn durch Vermittlung des sächsischen Großkanzlers Herzog Christian August von Sachsen-Zeitz, Bischof von Raab, 1697 der Ruf nach Sachsen, wo er das Amt eines Statthalters antrat. A. vereinigte eine außerordentliche Machtfülle in seiner Person: Oberhaupt sämtlicher Regierungsorgane einschließlich Disziplinarrechten, Verfügungsgewalt über alle Finanzangelegenheiten, Erledigung der routinemäßigen Reichs- und Kreisangelegenheiten sowie Zuständigkeit für die Beziehungen zu den kleineren Nachbarn im mitteldeutschen Raum waren die wichtigsten Kompetenzen. Der zum polnischen König gewählte Friedrich August I. behielt sich lediglich die wichtigsten Felder der Außenpolitik und dabei insbesondere die Beziehungen zum Kaiser und zu Kurbrandenburg vor. Auch war der katholische Statthalter, dessen Ernennung im evangelisch-lutherischen Sachsen auf erhebliches Misstrauen stieß, nicht für die evangelischen Religionsangelegenheiten in Land und Reich zuständig. Vom Wiener Hof dagegen war A. nicht zuletzt die Förderung der katholischen Religion in Sachsen zugedacht. Tatsächlich erwarb er sich große Verdienste um die Gründung und Förderung der katholischen Gemeinde in Dresden. Sein Sonderstatus zeigte sich nicht nur im Hofzeremoniell und der zugebilligten Leibgarde, sondern auch in dem seiner herausgehobenen Stellung entsprechenden Jahresgehalt von 24.000 Gulden. – Den Höhepunkt von A.s Tätigkeit in Sachsen bildete zweifellos die engagierte, kompromisslose Leitung des sog. Revisionskollegiums, später Generalrevisionskollegium, zwischen Mitte 1697 und Anfang 1700. A. erhielt unbeschränkte Machtbefugnis zur Untersuchung und Abstellung der Missbräuche in der Finanz- und Steuerverwaltung, in der Hofhaltung und der Administration der sächsischen Städte. Die Opposition der Landstände, Hofintrigen und v.a. der dringende Finanzbedarf führten jedoch schließlich gegen die ständische Bewilligung von einer Million Taler zur Auflösung dieser Kontrollinstanz. Nur wenig erfolgreicher war der Statthalter mit seinen unablässigen Warnungen vor der ambitionierten brandenburgisch-preußischen Politik, v.a. aber den langfristig negativen Folgen von Verkäufen aus dem Territorialbesitz und der Aufgabe wichtiger Rechtspositionen im mitteldeutschen Raum durch Kursachsen. Dabei wurden A. und die Dresdner Zentrale durch den geldbedürftigen Landesherrn meist vor vollendete Tatsachen gestellt, der derartige Geschäfte durch unmittelbar Bevollmächtigte wie den Großkanzler Wolf Dietrich von Beichlingen oder den Hoffaktor Behrend Lehmann zum Abschluss bringen ließ. Als persönlich unabhängiger Reichsfürst lediglich durch den Diensteid gebunden, legte A. dem Kurfürsten-König seine Befürchtungen mehrfach in umfangreichen Sondervoten schonungslos offen. Gleichwohl erbrachte der stets loyale A. durch seinen zeitweiligen Gehaltsverzicht und die teilweise Verpfändung seiner schwäbischen Güter auch erhebliche persönliche Opfer. Durch die Berichterstattung seines eigenen Reichstagsgesandten verfügte A. über eine unabhängige reichspolitische Informationsquelle: Das Heiligenberger Votum scheint jedoch allenfalls gelegentlich als „Leihstimme“ für das im Reichfürstenrat nicht vertretene Kursachsen eingesetzt worden zu sein. – In seiner Personalpolitik förderte A. gezielt den Aufstieg befähigter Juristen bürgerlicher Herkunft, wie den des späteren Geheimen Rats Bernhard (von) Zech d.Ä., gegen die Ansprüche des Adels. Auch die Verpflichtung des kurbrandenburgischen Hof- und Regierungsrats Johann Friedrich Reinhardt und der Beginn der Archivreform gehören zu seinen bleibenden Verdiensten für die Landesverwaltung. Ferner engagierte sich A. besonders in der Universitätspolitik, wobei er v.a. Wittenberg in altem Glanz wiederherstellen wollte; mit Gottfried Wilhelm Leibniz stand er wegen einer geplanten Akademiegründung in engem Briefwechsel. Seit seinem Amtsantritt in Sachsen unternahm A. immer wieder Vorstöße zu einer langfristig ausgerichteten, merkantilistisch geprägten Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik, wobei er insbesondere die im lutherischen Sachsen problematische Ansiedlung gewerbetreibender reformierter Glaubensflüchtlinge aus Frankreich im Blick hatte. Maßgeblich beteiligt am Sturz Beichlingens 1703, konnte A. seine Stellung als Statthalter danach vorübergehend noch einmal stärken. Die anfänglich von ihm gezielt geförderte spätere Mätresse Anna Constantia von Hoym, Gräfin von Cosel, entwickelte sich dagegen zu einer eigenständigen und für ihn unberechenbaren Kraft am Hof. Gescheitert sind schließlich auch seine Bemühungen (1702/03), den Messkirchner Vetter Froben Ferdinand als Oberhofmarschall und potenziellen Nachfolger nach Dresden zu holen. – Der von König Karl XII. von Schweden erzwungene Verzicht des sächsischen Kurfürsten auf die polnische Krone im Frieden von Altranstädt führte 1707 zum Wegfall des nunmehr überflüssigen Statthalteramts. A. zog sich weitgehend auf das ihm 1698 überlassene Jagdschloss Wermsdorf zurück. Die inoffizielle Ernennung zum kaiserlichen Geheimen Rat und die erwogene Bestallung zum Hofkammerpräsidenten 1707 sind Ausdruck seines nunmehr hohen Ansehens am Wiener Hof. Nach der schwedischen Katastrophe bei Poltawa 1709 und der Rückkehr Friedrich Augusts I. nach Polen übernahm A. erneut das Statthalteramt in Sachsen. Veränderte Rahmenbedingungen wie der Aufstieg seines Kontrahenten Jacob Heinrich von Flemming und die zunehmende Bedeutung des 1706 neu geschaffenen Geheimen Kabinetts als oberste Regierungsbehörde beschränkten jedoch den Handlungsspielraum A.s. – Nach dem Tod seiner Frau 1711 bemühte sich A. um den Kardinalstitel und eine geistliche Karriere. Trotz der Unterstützung Friedrich Augusts I. scheiterte er aufgrund seines Vorlebens mit mehreren unehelichen Kindern und der übermächtigen Konkurrenz des Wiener Favoriten Damian Hugo von Schönborn. 1714 musste A. endgültig auf diese Ambitionen verzichten, obwohl er vorsorglich bereits die niederen Weihen genommen hatte. – Die Profilierung des überwiegend mit landfremden Ministern besetzten Geheimen Kabinetts wurde sowohl vom heimischen Adel als auch vom Geheimen Rat unter Führung A.s bekämpft. Besonders im Zuge der Umstrukturierung der Dresdner Regierungszentrale seit 1714 beklagte sich A. verstärkt über den Verlust an Kompetenzen, die Opposition in den Kollegien, die unklaren Zuständigkeiten, das ungleiche Steuersystem und v.a. die Unordnung in der Finanzverwaltung. Nach dem Vorbild anderer Länder plädierte der Statthalter wie schon 1697 vergeblich für die Einrichtung eines Kommerzienkollegiums zum Aufschwung von Handel und Manufakturwesen sowie eines Staatsrats als oberstem Regierungsorgan. Immerhin führten die Beschwerden zu einer neuen Geschäftsordnung für den Geheimen Rat. In einer Instruktion für Statthalter und Kollegium von 1715 wurden das Recht der Immediatberichterstattung bestätigt und wesentliche Regierungsziele formuliert: Einnahmesteigerung durch Zuwanderung, Verbesserung von Handel und landesherrlichem Kredit, Sorge um die kursächsischen Lehnsrechte und insbesondere die Rechtswahrung gegenüber den albertinischen Nebenlinien. Die langjährigen Auseinandersetzungen mit dem Haus Schwarzburg und die Dresdner Geheimverhandlungen über eine Abtretung des Stifts Naumburg durch den überschuldeten Administrator Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz an die Kurlinie standen auch im Mittelpunkt von A.s Tätigkeit in den letzten Jahren. Sein Tod 1716 beendete zugleich die Institution des Statthalteramts in Sachsen. – Bereits die zeitgenössischen Urteile über A. gingen weit auseinander. Bei aller Vorsicht angesichts der unbefriedigenden Forschungslage wird man dem kühlen Machtpolitiker Flemming beipflichten müssen, der ihm bei allem Fleiß und guten Absichten eine wenig effiziente Amtsführung attestierte. Dem standesbewussten, in Dresden mitunter isoliert wirkenden A. war es zudem nicht gelungen, in den vom einheimischen Adel dominierten Hof- und Regierungskreisen eine eigene Klientel zur Stabilisierung seiner Stellung aufzubauen.



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L  E. Münch, Geschichte der Bewerbung des Fürsten A. Egon von Fürstenberg, Generalstatthalters von Sachsen unter August 2., um die Cardinalswürde, in: Jahrbücher der Geschichte und Politik 2/1837, S. 37-50; ders., Geschichte des Hauses und Landes Fürstenberg, Bd. 4, Karlsruhe 1847; E. Vehse, Geschichte der Höfe des Hauses Sachsen, T. 5, Hamburg 1854; F. Bülau, Fürst A. Egon von Fürstenberg, in: ders., Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, Bd. 7, Leipzig 21863-1864, S. 126-162; G. Wagner, Die Beziehungen Augusts des Starken zu seinen Ständen während der ersten Jahre seiner Regierung (1694-1700), Diss. Leipzig 1903; K. Gihring, Reichsfürst A. Egon von Fürstenberg als Statthalter von Sachsen 1697-1716, Diss. Heidelberg 1948 [MS]; W. Ohnsorge, Das „Kursächsische Archiv“ im Zeitalter des Absolutismus und Johann Friedrich Reinhardt, in: Forschungen aus mitteldeutschen Archiven, hrsg. von der Staatlichen Archivverwaltung, Berlin 1953, S. 80-103; R. Kluge, Fürst, Kammer und Geheimer Rat in Kursachsen von der Mitte des 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, Diss. Leipzig 1960 [MS]; P. F. Saft, Der Neuaufbau der Katholischen Kirche in Sachsen im 18. Jahrhundert, Leipzig 1961; M. Braubach, Wilhelm von Fürstenberg (1629-1704) und die französische Politik im Zeitalter Ludwigs XIV., Bonn 1972; H. Pönicke, Politisch einflußreiche Männer um August den Starken, in: Archiv für Sippenforschung 40/1974, S. 599-610; K. Czok, August der Starke und Kursachsen, Leipzig 31990; J. Bäumel, Auf dem Weg zum Thron, Dresden 1997 (P); W. Held, Der Adel und August der Starke, Köln u.a. 1999 (P); E. Mauerer, Südwestdeutscher Reichsadel im 17. und 18. Jahrhundert, Göttingen 2001; J. Vötsch, Kursachsen, das Reich und der mitteldeutsche Raum zu Beginn des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/Main/Berlin/Bern/Wien 2003. – ADB 8, S. 217f.; DBA I, II; J. H. Zedler, Großes Vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 9, Halle/Leipzig 1735, Sp. 2259.

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Jochen Vötsch
26.10.2005


Empfohlene Zitierweise:

Jochen Vötsch, Anton Egon, Fürst von Fürstenberg-Heiligenberg, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (25.10.2014)

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