Stübel Moritz Alphons
Naturwissenschaftler, Privatgelehrter
* 26.7.1835 Leipzig 10.11.1904 Dresden
VMoritz, Ratsherr
GND: 118810421





S. entstammte einer Gelehrten- und Juristenfamilie. Er verlor früh seine Eltern und kam 14-jährig zu seinem Onkel nach Dresden. 1854/55 studierte S. Chemie und Mineralogie in Leipzig. Aus gesundheitlichen Gründen brach er das Studium ab und unternahm Reisen in südliche Regionen, nach Ägypten, in das Gebiet des Blauen Nils und in die Nubische Wüste (Sahra-en-Nubiya). Die Rückreise führte ihn über Rom und Neapel. Hier machte er erste vulkanologische Beobachtungen - eines seiner späteren Hauptforschungsgebiete. 1859/60 setzte S. das Studium der Mineralogie, Chemie und Physik in Heidelberg fort, wo er auch promovierte. Nach einem anschließenden dreimonatigen Aufenthalt in Freiberg beendete er seine Studien in Berlin. 1862 besuchte S. Schottland sowie die Orkney- und Shetland-Inseln. Zur Durchführung vulkanologischer Untersuchungen und topografischer Aufnahmen folgten 1862 bis 1865 Aufenthalte auf Madeira, den Kapverdischen Inseln, in Portugal, auf den Kanarischen Inseln, in Marokko und Spanien. 1865 kehrte S. nach Deutschland zurück. Hier lernte er den Naturwissenschaftler Wilhelm Reiß kennen. 1866 begaben sich beide auf die griechische Insel Santorin, um einen Vulkanausbruch zu beobachten. 1868 begannen Reiß und S. eine ausgedehnte Forschungsreise, die sie ursprünglich nach Hawaii führen sollte und eine drei- bis viermonatige Durchquerung der Anden vorsah. Daraus wurde jedoch ein mehrjähriger Forschungsaufenthalt in Südamerika. Den Schwerpunkt der Arbeit bildeten geologische Untersuchungen und topografische Vermessungen, wobei ihr besonderes Augenmerk vulkanologischen Studien galt. Im Verlauf der Reise widmeten sich beide Naturwissenschaftler zunehmend auch archäologischen und ethnografischen Forschungen. Die Route führte zunächst von Santa Marta (Kolumbien) auf dem Rio Magdalena stromaufwärts und in das kolumbianische Hochland, nach Bogotá. Von dort begaben sie sich zum Rio Meta und der präkolumbischen Ruinenstätte von San Agustin. 1870 bis 1874 weilten sie in Ecuador. Zu Forschungszwecken bestieg S. zahlreiche Berge, u.a. den Vulkan Cotopaxi in der Ostkordillere Ecuadors, einen der höchsten tätigen Vulkane der Erde. 1874 reisten S. und Reiß nach Peru, wo sie in Ancón bei Lima eine präkolumbische Siedlung ausgruben. 1875/76 überquerten sie die Anden und gelangten zum oberen Amazonas. Die gemeinsame Unternehmung endete in Rio de Janeiro. Während Reiß 1876 aus gesundheitlichen Gründen nach Europa zurückkehrte, setzte S. seine Reise über Montevideo, Buenos Aires und erneut über die Anden nach Santiago de Chile fort. Er besuchte mehrere Vulkane, gelangte schließlich ins bolivianische Hochland und zur präkolumbischen Ruinenstätte von Tiahuanaco am Südende des Titicacasees. Die Rückreise führte S. über Mittelamerika bis nach San Francisco. Er durchquerte die USA bis zum Atlantik und kehrte schließlich 1877 nach Deutschland zurück und ließ sich in Dresden nieder. – Als Privatgelehrter widmete sich S. fortan gemeinsam mit Fachleuten verschiedener Wissenschaftsdisziplinen der Auswertung der gewaltigen Forschungsausbeute. Zu dieser zählten umfangreiche mineralogische, ethnografische, archäologische, botanische und zoologische Sammlungen. S. begann mit der Publikation seiner aus den archäologischen und ethnografischen Sammlungen gewonnenen Untersuchungsergebnisse. Die 1880 bis 1892 erschienenen Bände „Das Todtenfeld von Ancon in Perú“, „Kultur und Industrie Südamerikanischer Völker“ und „Die Ruinenstaette von Tiahuanaco im Hochlande des alten Peru“ zählen zu den klassischen Werken der Amerikanistik. Für die Arbeit an den beiden letztgenannten Werken gewann S. den am Dresdner Museum für Völkerkunde tätigen Max Uhle, mit dem er freundschaftlich verbunden war und den er nach Kräften förderte. Zur Vervollständigung seiner Vulkantheorie unternahm S. 1880, 1882, 1885 und 1889 weitere Reisen in die Auvergne, nach Syrien, Palästina, Sizilien und Ägypten. – Die umfangreichen archäologischen und ethnografischen Sammlungen von S. und Reiß erwarben die Museen für Völkerkunde von Berlin und Leipzig. Zahlreiche Objekte schenkte S. dem Dresdner Museum für Völkerkunde. 1892 stellte das neu erbaute Grassi-Museum in Leipzig S. für seine Sammlungen zwei große Säle zur Verfügung. In dieser „Abtheilung für vergleichende Länderkunde“ waren u.a. die Gesteinssammlung, die von ihm angefertigten Gebirgspanoramen sowie 82 Ölgemälde des ecuadorianischen Malers Rafael Troya, der S. zwei Jahre in Ecuador begleitet und die Gebirgslandschaft dieses Lands nach dessen Anleitung vor Ort gemalt hatte. Zu dem von S. eingerichteten geografischen Museum gehörten bald auch eine Bibliothek mit einer Kartensammlung sowie ab 1902 ein Archiv für Forschungsreisende. Beides befindet sich heute im Leibnitz-Institut für Länderkunde in Leipzig. Wertvolle Hilfe bei der Bearbeitung der naturwissenschaftlichen Sammlungen erhielt S. von dem Naturwissenschaftler Theodor Wolf, den er in Ecuador kennen und schätzen gelernt hatte. Nach der Übersiedlung Wolfs nach Dresden setzte sich diese Freundschaft in einer zwölfjährigen engen Zusammenarbeit fort. Besonders S.s Vulkantheorie, nach der die meisten Vulkane monogetisch entstanden wären, war von wissenschaftlichem Interesse. Sie stellte sich jedoch innerhalb kurzer Zeit als falsch heraus. Wissenschaftlich bedeutsam sind auch die gemeinsam mit Reiß erbrachten Forschungsergebnisse für die Archäologie und Ethnografie Südamerikas.



W  Die Laven der Somma bei Neapel und einige ägyptische Mineralien, in: Sitzungsberichte und Abhandlungen der naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Dresden, Dresden 1861, S. 113f.; mit W. Reiß, Geschichte und Beschreibung der vulkanischen Ausbrüche bei Santorin, Heidelberg 1868; Alturas principales en Ecuador, Quito 1870-1871; Das Todtenfeld von Ancon in Perú, 3 Bde., Berlin 1880-1887; Indianer-Typen aus Ecuador und Colombia, Berlin 1888; Über altperuanische Gewebemuster und ihnen analoge Ornamente der altklassischen Kunst, in: Festschrift zur Jubelfeier des 25jährigen Bestehens des Vereins für Erdkunde zu Dresden, Dresden 1888, S. 35f.; mit M. Uhle, Die Ruinenstaette von Tiahuanaco im Hochlande des alten Peru, Breslau 1892; Die Vulkanberge von Ecuador, Berlin 1897; Über die genetische Verschiedenheit vulkanischer Berge, Leipzig 1903.

L  M. Uhle, Kultur und Industrie Südamerikanischer Völker nach den im Besitze des Museums für Völkerkunde zu Leipzig befindlichen Sammlungen von A. S., W. Reiss und B. Koppel, 2 Bde., Berlin 1889-1890; P. Wagner, Alphons S., in: Sitzungsberichte und Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Dresden 1903, Dresden 1904, S. V-XIV (WV, P); H. Meyer, Alphons S., in: Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig 1904, Leipzig 1905, S. 61-78; R. Haas, Keramikfunde aus Ancón, Peru, Berlin 1986; H. Rast, Alphons S., ein bedeutender sächsischer Geologe, Vulkanologe und Forschungsreisender des späten 19. Jahrhunderts, in: Beiträge zur Biographie sächsischer Geowissenschaftler, hrsg. vom Staatlichen Museum für Mineralogie und Geologie in Dresden, Dresden 1993, S. 55-86; I. Hönsch, Alphons S. (1835-1904), in: A. Mayr/F.-D. Grimm/S. Tzschaschel (Hg.), 100 Jahre Institut für Länderkunde 1896-1996, Leipzig 1996, S. 43-47; El inicio de la arqueología científica en el Perú: Reiss y S. en Ancón, Lima 2000. – DBA II, III; DBE 9, S. 607; Banse II, S. 548.

P  L. Cadena, 1871, Ölbild; 1903, Foto.



Klaus-Peter Kästner
7.8.2009


Empfohlene Zitierweise:

Klaus-Peter Kästner, Stübel, Moritz Alphons, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (20.9.2017)

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