Gerst Alfred
Verkäufer, Kfz-Schlosser, Gegner und Opfer des NS-Regimes
* 29.1.1915 Würzburg 22.2.1942 KZ Sachsenhausen (ermordet) Leipzig, Alter Israelitischer Friedhof(jüd.)
VBruno (1878-1943), Weinhändler in WürzburgMMarianne, geb. Mars (1887-1942)GGeorg (* 1913)
GND: 141789336






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G.s Familie zog 1921 von Würzburg nach Leipzig, wo sich sein Vater, ein deutsch-national gesinnter gläubiger Jude, eine gutbürgerliche Existenz aufbaute. G. besuchte bis 1930 das Nikolai-Gymnasium und begann anschließend eine Lehre als Verkäufer im Kaufhaus Althoff. Mit 15 Jahren trat er im Widerspruch zu seiner elterlichen Erziehung der sozialdemokratischen Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) bei. Bereits 1931 wechselte er, wohl unter dem Einfluss seines zwei Jahre älteren und politisch sehr aktiven Bruders, zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD). 1933 wurde G., der beste Beurteilungen erhielt, aufgrund des „Arier-Paragrafen“ aus seiner Arbeitsstelle als Verkäufer entlassen, fand aber eine Lehrstelle als Autoschlosser bei der Firma „Eichhorn und Thalheim“ in Leipzig. Da die Arbeiterorganisationen im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ verboten wurden, versuchten die Gebrüder Gerst den KJVD organisatorisch zu bewahren. Georg engagierte sich im Vogtland, wo er aber bereits im Juni 1933 verhaftet und im Mai 1934 zu 33 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde. Der gerade 18-jährige G. sammelte im Leipziger Zentrum Jugendliche um sich, von deren regimekritischer Einstellung er wusste. Sie entstammten fast ausschließlich dem KJVD, der SAJ sowie linken Sportvereinigungen und Gewerkschaften. Die 17 oder 18 jungen Leute nannten sich „Zelle Zentrum“. Mehrere solcher Gruppen existierten in Leipzig. Doch die Mitglieder der „Zelle Zentrum“ kamen bis auf eine Ausnahme alle aus jüdischen Familien, ihre Bindung an linke politische Organisationen war jedoch stärker als an das Judentum. Während eines sog. Zellenabends am 29.6.1934 in der Laube der Eltern des einzigen Mädchens der Gruppe, Erica Gottschalk, wurden die Jugendlichen von Gartennachbarn denunziert und daraufhin verhaftet. Im folgenden Prozess vor dem Oberlandesgericht Dresden wurde G. am 20.3.1935 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren und neun Monaten Zuchthaus verurteilt, die er in Waldheim verbüßen musste. Im Gefängnis fand G. wieder Zugang zum Judentum. Er erlernte die hebräische Sprache und bemühte sich um die Erlaubnis zur Ausreise aus Deutschland. In den Archivquellen finden sich Jugoslawien, Palästina, Kenia, Peru, England und Chile als potenzielle Ziele. Während seinem Bruder die Ausreise gelang, musste G. in Deutschland bleiben und kam am 1.6.1938 als „Schutzhäftling“ ins KZ Dachau. Dort wurde seine Entlassung abgelehnt, weil wegen „Gräuelnachrichten“ über dieses KZ eine Entlassungssperre verhängt worden war. Im September 1938 wurde G. in das KZ Buchenwald und am 17.3.1939 in das KZ Sachsenhausen verbracht. Am 4.4.1940 lagen G.s Ausreisepapiere bereit, doch die Leipziger Gestapo lehnte am 22.4.1940 die Ausreise mit der Begründung ab, dass er im „wehrfähigen Alter“ sei. Knapp zwei Jahre später wurde G. im KZ Sachsenhausen ermordet.



Q  Sächsisches Staatsarchiv - Staatsarchiv Leipzig, 21690 SED, Sammlung Biografien, Nr. 414, 646.

L  M. Unger, Jüdische Menschen Leipzigs im antifaschistischen Kampf, in: Leipziger Volkszeitung 29./30.10.1988; ders./H. Lang (Bearb.), Juden in Leipzig, Leipzig 1988, S. 21f.; S. Höppner, Juden im Leipziger Widerstand 1933/34, in: M. Unger (Red.), Judaica Lipsiensia, Leipzig 1994, S. 155-166;dies., Die Familie Gerst, in: ebd., S. 283-285; E. Betram, Menschen ohne Grabstein, Leipzig ²2011, S. 155.



Dieter Kürschner †
4.9.2012


Empfohlene Zitierweise:

Dieter Kürschner †, Gerst, Alfred, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (18.8.2017)

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