Albrecht IV. (VII.)
Graf von Mansfeld-Hinterort
* 18.6.1480 Leipzig 5.3.1560 Leutenberg 16.3.1560 Mansfeld(kath., später ev.)
VErnst I. († 1486)MMargarete, geb. Gräfin von MansfeldGAlbrecht VI. († 1485); Gebhard VII. von Mansfeld-Mittelort (1478-1558); Volrad IV. († 1478); MechthildAnna, geb. Gräfin von HohensteinSVolrad IV. (V.) (1520-1575/78); Kaspar I. (um 1520-1542); Albrecht IX.; Johann I. († 1567); Wolf I. († 1546); Karl I. (1553-1594)TAnna; Katharina; Esther; Agnes; Martha († 1585); Sara († 1577); Sibylla; Susanna († 1565); Margareta
GND: 102478929

Nicht allein durch sein langes, bewegtes Leben als Söldnerführer, Großunternehmer, zeitweiliger Freund Martin Luthers und prachtliebender Renaissancefürst gehörte A. zu den schillerndsten und streitbarsten, aber auch bedeutendsten Vertretern des Mansfelder Grafenhauses. A. war offen gegenüber der Reformation, politisch begabt, macht- und standesbewusst, aber auch oft rücksichtslos und gewalttätig gegenüber Verwandten, Untertanen und Vasallen. Seine widersprüchliche Persönlichkeit ist zugleich eng mit den großen und überregional bedeutsamen Ereignissen des Reformationszeitalters verknüpft. – Ausgebildet auf der Leipziger Universität, wurde A. später von Philipp Melanchthon als Förderer der klassischen Wissenschaften gerühmt. Bei der Hauptlandesteilung von 1501 erhielt er das Oberamt Eisleben, Unteramt Schraplau, Hinteramt Mansfeld und das Amt Rammelburg als territoriale Ausstattung der von ihm begründeten Hinterorter Linie des Mansfelder Grafenhauses. – A. schloss sich frühzeitig dem ernestinischen Kursachsen an und initiierte bereits 1524 Pläne für einen Zusammenschluss der lutherisch gesinnten Reichsfürsten. Als enger Berater Kurfürst Johanns (der Beständige) spielte er eine wichtige reichspolitische Rolle, so etwa auf den Reichstagen von 1529 und 1530. Am entschlossenen Widerstand seiner Wetterauer Standesgenossen scheiterte dagegen letztlich der seit 1541 versuchte Zugriff auf eine der beiden reichsgräflichen Kuriatstimmen im Reichsfürstenrat. 1526 trat er gemeinsam mit seinem Mittelorter Bruder Gebhard VII. dem Torgauer Bund bei. Beide gehörten 1530 zu den Gründungsmitgliedern des Schmalkaldischen Bunds. – Sehr früh stand A. in engem Kontakt zu Martin Luther, der ihm als seinem Landesherrn, der seinen Auftritt auf dem Wormser Reichstag 1521 persönlich miterlebt hatte, den ersten Teil seiner Kirchenpostille widmete. Nicht zuletzt unter dem Einfluss seiner Berater, die teilweise zum engeren Freundeskreis des Wittenberger Reformators gehörten, förderte A. aktiv den reformatorischen Prozess und den langwierigen Aufbau der evangelischen Kirchenorganisation in der Grafschaft Mansfeld. A. bekannte sich in Eisleben, in Anwesenheit Luthers und Melanchthons anlässlich der Errichtung einer evangelischen Lateinschule, gemeinsam mit seinem Bruder Gebhard VII. an Ostern 1525 öffentlich zur Reformation. Die vom hoch verschuldeten A., der bereits 1524 die bedeutende Leutenberger Saigerhandelsgesellschaft gegründet hatte, forcierte Monopolisierung und Konzentration des seit 1536 geteilten Hütten- und Bergwesens verschlechterte zunehmend seine Beziehungen zu Luther, dessen Verwandtschaft massiv von dieser Politik betroffen war. – Von Mansfeld aus agierend, spielte A. mit seinen vorderortischen Vettern Ernst II. und Hoyer VI. eine wichtige Rolle bei der Niederschlagung der Bauernunruhen 1525. Die eigenmächtige Gründung der Neustadt Eisleben 1511 mit dem bereits 1522 wieder aufgelösten Kloster der Augustinereremiten steht dagegen sowohl für A.s zielbewusste Wirtschafts- und Siedlungspolitik, aber auch für die meist von seiner kompromisslosen Wirtschafts- und Konfessionspolitik ausgelösten und bestandsgefährdenden innerdynastischen Konflikte. In der Finanzkrise Gebhards VII. intervenierte A. ohne familiäre Rücksicht, indem er 1541 nicht nur die Nutzungsrechte von den Gläubigern übernahm, sondern auch die Landesherrschaft im Mittelort auszuüben begann. Mit der Unterstützung Luthers konnte erst durch das lehnsherrliche Eingreifen von Herzog Moritz von Sachsen, der den auf der Reise nach Prag befindlichen A. 1543/44 kurzzeitig inhaftierte, der Status quo wiederhergestellt werden. Die endgültige Zerrüttung des beiderseitigen Verhältnisses dokumentiert Luthers abschließendes Urteil: „Dieser graffe hat sich an Gott versundiget sua sapientia, arrogantia et avaritia, … Was ihm wiederfuhr, ist daher nur gerecht.“ – Der Schmalkaldische Krieg vertiefte die vorhandenen familiären Gräben noch. 1546 besetzte A. den vorderortischen Besitz und ließ sich huldigen. Im Jahr darauf schlug er ein kaiserliches Heer unter Herzog Erich von Braunschweig-Calenberg bei Drake/Weser. Mit seinen Söhnen nach der Wittenberger Kapitulation Kurfürst Johann Friedrichs (der Großmütige) der Reichsacht verfallen, wurden die Vorder- und Mittelorter Grafen mit seinem Besitz belehnt. 1550/51 verteidigte A. die gleichfalls geächtete Stadt Magdeburg gegen den nunmehrigen Kurfürsten Moritz von Sachsen, dem er sich jedoch Ende 1551 im Fürstenkrieg gegen Kaiser Karl V. anschloss. Im Passauer Vertrag von 1552 erfolgte schließlich die vollständige Restitution des Hinterorts. Jedoch erst nach der Aussöhnung mit Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der 1553/54 den hinterortischen Besitz verwüstete, und dem Abschluss eines Familienvertrags 1555 - dem großen Versöhnungsjahr des Mansfelder Grafenhauses - konnte sich der vorwiegend auf Schloss Rammelburg residierende A. endgültig als Landesherr bestätigt fühlen. Aufgrund der langjährigen Zerwürfnisse kam - ungeachtet Luthers persönlichem Engagement 1546 - erst kurz vor dem Tod Gebhards VII. 1557 eine wirkliche Versöhnung der verfeindeten Brüder zustande. Der inzwischen 75-jährige A. zog sich in seinen letzten Jahren immer häufiger in das 1524 erbaute Herrenhaus der Saigerhütte bei Leutenberg zurück. – Zeitlebens hatte A. mit allen Mitteln um die Reichsunmittelbarkeit und territoriale Integrität der Grafschaft Mansfeld gekämpft. Es gelang ihm dabei zeitweilig erfolgreich, Kaiser und Reichskammergericht, aber auch das Erzstift Magdeburg gegen die expansive Territorialpolitik der albertinischen Wettiner, die sich am stärksten in der beanspruchten Obergerichtsbarkeit zeigte, auszuspielen. – Stets auf den Ausbau seiner Herrschaft bedacht, erwarb A. 1526 gegen eine Unterhaltszusage für die ehemaligen Konventsmitglieder außer dem ehemaligen Kloster Wimmelburg zwar die große, formal reichsunmittelbare Benediktinerabtei Saalfeld mit sämtlichen Rechten und Besitzungen, konnte sie jedoch nicht gegen die Ansprüche seines ernestinischen Dienstherrn behaupten. 1532 musste er diese Erwerbung wieder an den Kurfürsten abtreten, konnte aber die für die Versorgung der bedeutenden Saigerhütte bei Leutenberg wichtige waldreiche Herrschaft Probstzella als kursächsisches Lehen behalten. Das günstig gelegene Amt Allstedt brachte A. 1526 zunächst pachtweise, ab 1533 als ernestinisches Erblehen in seinen vorübergehenden Besitz, bevor es bereits 1542 an die Stolberger Grafen verpfändet wurde. 1527 gelang der Kauf des Amts Rothenburg und 1542 der Erwerb des Klosteramts Sittichenbach, wobei sich jedoch das albertinische Sachsen die Hoheitsrechte vorbehielt. – Außerordentlich standes- und repräsentationsbewusst, erscheint A. ungeachtet seiner wachsenden Verschuldung als eifriger Bauherr, der sich auf dem Mansfelder Burgberg mit einem vierflügeligen Renaissancebau ein neues Schloss (1511-1523) und in Eisleben eine prächtige Stadtresidenz errichten ließ.



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Jochen Vötsch
7.2.2005


Empfohlene Zitierweise:

Jochen Vötsch, Albrecht IV. (VII.), in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (24.6.2017)

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