Weinhold Adolf Ferdinand
Physiker
* 19.5.1841 Zwenkau 2.7.1917 Chemnitz Chemnitz, Städtischer Friedhof(ev.)
VFriedrich Moritz (1802-1870), JuristMJulie, geb. Claudius (1806-1894)1869 Helene, geb. Volkmann (1843-1929)SLothar Paul (1873-1947), Physiker; Max (1875-1964), Augenarzt
GND: 118806513

Das Wirken W.s, das ihn an der Vorläufereinrichtung der Technischen Universität Chemnitz zum Begründer der Experimentalphysik und Nestor der Elektrotechnik werden ließ, ist eng verbunden sowohl mit der rasanten industriellen Entwicklung Sachsens als auch mit der Herausbildung neuer industrierelevanter Wissenschaftsdisziplinen. – Nach dem Besuch der Städtischen Realschule Leipzig legte W. am dortigen Nikolai-Gymnasium das sog. Rektorats-Examen ab. Von Ostern 1857 an studierte er an den Universitäten Leipzig und Göttingen vorrangig Chemie. 1861, gerade zwanzigjährig, nahm W. als Assistent für Chemie an der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Chemnitz seine Tätigkeit auf. 1864 wurde ihm der Physikunterricht an der Königlichen Gewerbschule zu Chemnitz übertragen, den er sofort nach den methodologischen Prinzipien des Justus von Liebigzur Experimentalphysik umzugestalten begann. Um die bescheidene physikalische Sammlung der Gewerbschule zu vervollkommnen und zu erweitern, stellte er für die von ihm konzipierten zahlreichen Demonstrationsexperimente die benötigten Instrumente zunächst selbst her. Dabei kamen ihm neben seinen Fähigkeiten im Glas blasen und Experimentieren seine handwerklichen Fähigkeiten zugute. Die Geräte und Versuchsanordnungen fanden in seinen Publikationen wie auch im Produktionssortiment der Chemnitzer Firmen Lorenz, Kohl und Pöge ihren Niederschlag. – 1873 wurde W. mit seiner Arbeit über die Messung hoher Temperaturen von der Philosophischen Fakultät der Leipziger Universität promoviert. Diese Ergebnisse führten in den folgenden Jahren zur Erfindung des Gasthermometers und des Vakuummantelgefäßes, letzteres besser bekannt als Thermosflasche. W.s hervorragenden Experimentalunterricht zeichneten v.a. Aktualität und Praxisverbundenheit aus. Sein Wissensdrang und Fleiß, seine bescheidene bis asketische Lebensweise, die er Wissenschaft und Lehre unterordnete, aber auch seine Geradlinigkeit und Kollegialität führten zu einem regen Gedankenaustausch mit namhaften Naturwissenschaftlern seiner Zeit. Dies schloss auch gemeinsame Forschungen im hervorragend ausgestatteten Physiklaboratorium der Chemnitzer Gewerbschule, etwa mit Ernst Abbe und Lothar Meyer, ein. W.s aktive Mitarbeit in zahlreichen Fachzeitschriften und Gremien wie z.B. dem Ausschuss für das Deutsche Museum München und nicht zuletzt der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft zu Chemnitz, die ihn mit den Unternehmern der Stadt zusammenführte, begründeten die Aktualität und Wissenschaftlichkeit seines Unterrichts. – Die historische Bedeutung der Elektrotechnik hatte W. sehr früh erkannt. V.a. im Rahmen des Elektrotechnischen Vereins Berlin setzte er sich für ihre Herauslösung aus dem Lehrgebiet Physik ein. Bereits im Wintersemester 1882/83 führte er an den Technischen Staatslehranstalten Chemnitz das Unterrichtsfach Elektrotechnik vorerst fakultativ ein. In den darauffolgenden Jahren forderte W., im Gegensatz zur herrschenden Auffassung, wonach dieses Fach eine Hilfswissenschaft war, einen speziellen Studiengang für Elektrotechniker. Seiner Überzeugung nach war mit der Fernübertragung von Drehstrom die endgültige und zukunftsweisende Trennung zwischen dem Ort der Erzeugung und dem Ort des Verbrauchs von Elektroenergie vollzogen. Damit waren laut W. die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Vorzüge der Elektroenergie aus dem Bereich des Möglichen in die Realität umzusetzen. Dies bestimmte auch seine Gutachten über die Projekte öffentlicher zentraler Elektrizitätswerke in Chemnitz, Dresden, Leipzig und Plauen und führte letztlich in diesen Städten sehr früh zu einer modernen Stromversorgung. – In Würdigung seiner Verdienste wurde W. 1885 das Ritterkreuz 1. Klasse des Königlich Sächsischen Verdienstordens, 1890 der Titel und Rang eines Regierungsrats und 1897 eines Oberregierungsrats verliehen. Anlässlich seiner Versetzung in den Ruhestand am 1.10.1912 ehrte man ihn mit dem Offizierskreuz des Albrechtsordens. Als die Chemnitzer Hochschule 1986 den Status einer Technischen Universität verliehen bekam, erhielt das Gebäude der Fachbereiche Physik und Elektroingenieurwesen den Namen „Adolf-Ferdinand-Weinhold-Bau“. Zugleich wurde der „Adolf-Ferdinand-Weinhold-Preis“ für herausragende Forschungsleistungen von Studenten und Nachwuchswissenschaftlern ins Leben gerufen. In Chemnitz-Siegmar benannte man eine Straße nach W. Seine Geburtsstadt Zwenkau ehrte ihn anlässlich seines 80.Todestags und verlieh den neu errichteten Einkaufsmöglichkeiten den Namen „Weinhold-Arkaden“.



Q  Technische Universität Chemnitz, Universitätsarchiv, 100/253, Personalakte W., 301, Nachlass W.; E. Abbe, Briefwechsel mit Adolf Ferdinand W., hrsg. von R. Feige/D. Szöllösi, Leipzig 1990.

W  Leitfaden für den physikalischen Unterricht, Chemnitz 1869 (ND Leipzig 1944); Vorschule der Experimentalphysik, Leipzig 1872 (ND Leipzig 1907); Messen hoher Temperaturen, Diss. Leipzig 1873; Physikalische Demonstrationen, Leipzig 1881 (ND Leipzig 1931).

L  D. Szöllösi/B. Winde, Adolf Ferdinand W. (1841-1917), in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt 29/1987, H. 4, S. 609-622; D. Szöllösi, Adolf Ferdinand W., Diss. Freiberg 1990; S. Luther (Gesamtleitung), Von der Kgl. Gewerbschule zur Technischen Universität, Chemnitz 2003; H. Münch, Adolf Ferdinand W., in: Museumskurier des Chemnitzer Industriemuseums und seines Fördervereins 20/2007, S. 22. – DBA II.

P  Adolf Ferdinand W., J. Niclou, 1911, Fotografie, Technische Universität Chemnitz, Universitätsarchiv, 502/315 (Bildquelle).



Dagmar Szöllösi
16.11.2010


Empfohlene Zitierweise:

Dagmar Szöllösi, Weinhold, Adolf Ferdinand, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (29.6.2017)

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