Dürninger Abraham
Unternehmer
* 22.12.1706 Straßburg 13.2.1773 Herrnhut
VJakob (1671-1747), Kaufmann, RatsherrMSusanna Katharina, geb. Faust (1680-1753)G81747 Anna Christina Franz (1715-1792)
GND: 117657522

D. wurde in Straßburg als zweites von neun Kindern geboren. Sein Vater war Ratsherr und Kaufmann in der elsässischen Stadt, und auch der Sohn Abraham sollte den Kaufmannsberuf erlernen. Zunächst arbeitete D. einige Jahre im Geschäft seines Vaters und eignete sich hier die grundlegenden Fertigkeiten des Handelsgeschäfts an, bevor er in verschiedenen Handelshäusern, u.a. in Alicante, Amsterdam, Basel und Nancy, seine Kenntnisse erweitern konnte. Nach Straßburg zurückgekehrt, unterstützte er seinen Vater in dessen Tuchhandlung und fand in einer Eisenschmiede eine Anstellung als Syndikus. Bereits in dieser Zeit gab sich D. auf der Suche nach religiöser Erfüllung verstärkt schwärmerischen Gedanken hin, seine Abneigung gegen die Kommerzsucht und damit gegen seinen eigenen Beruf wuchs. Zugleich spielte er mit dem Gedanken, nach Amerika auszuwandern, wo er eine Plantage erworben hatte, ließ diesen Plan jedoch später wieder fallen. Bereits 1741 hatte D. in Straßburg Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine kennengelernt, und in den Jahren 1743/44 besuchte er die Gemeine im hessischen Herrnhag. Hier traf D. im Frühjahr 1744 Nikolaus Graf von Zinzendorf, der sich nach seiner Verbannung aus Sachsen in Herrnhag aufhielt. Diese Begegnung sollte für D.s weiteren Lebensweg prägend werden. Bei der Brüdergemeine fand er den religiösen Halt, nach dem er gesucht hatte. D. gab seine Anstellung in Straßburg auf, wurde Mitglied der Gemeine und traf Ende des Jahres 1744 in Herrnhag ein. In den folgenden zwei Jahren war D. in verschiedenen Funktionen für die Gemeine tätig. Im Herbst 1747 wurde er schließlich nach Herrnhut geschickt, wo man ihm die Leitung des vollkommen unbedeutenden Gemeineladens übertrug. – Bei seiner Ankunft war das Geschäft mit ca. 600 Talern verschuldet. Auch die Umsätze müssen relativ gering gewesen sein, denn für das Jahr 1747 waren lediglich etwas mehr als 154 Taler an Steuern zu zahlen. Innerhalb kürzester Zeit gelang es D., die ortsansässige Konkurrenz zu umgehen, wodurch ihm die Versorgung des kleinen Orts allein oblag. Das erwirtschaftete Geld investierte er 1750 in erste Leinengeschäfte, bei denen er in Kommission auf den umliegenden Dörfern Waren aufkaufte und diese dann u.a. über die Leipziger Messen exportierte. Der Leinenhandel entwickelte sich in der Folgezeit so erfolgreich, dass man noch im selben Jahr direkte Handelsbeziehungen nach England aufbauen konnte und sich in den folgenden Jahren Geschäfte nach Italien, Spanien, die Niederlande und die Schweiz sowie auch nach Nordamerika anschlossen. Verglichen mit den Umsätzen des Jahres 1747 hatten sich die Geschäfte vier Jahre später mehr als verzehnfacht. Besonders der Handel mit Nordamerika sollte für D. und sein Geschäft folgenreich werden. Im Handelsverkehr mit den englischen Kolonien in Nordamerika war es üblich, für die dorthin exportierten Produkte statt Geld Waren als Bezahlung zu akzeptieren. Diese sog. Barattogeschäfte hatten einerseits zur Folge, dass das Handelshaus in den Großhandel mit Kolonialwaren einstieg und andererseits als eine der ersten Firmen Deutschlands auch die Weiterverarbeitung vor allem von Baumwolle und Tabak in Eigenregie übernahm. Die steigenden Umsätze führten zu einer Ausweitung der Produktion in und um Herrnhut. D. beschäftigte eine ständig größer werdende Anzahl von Webern und begann mit dem Aufbau eigener Manufakturen, u.a. zur Veredlung von Stoffen und zur Herstellung von Tabak, Kaffee, Schokolade und Siegellack. Problematisch wurde die Situation der Firma zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs, da die militärischen Auseinandersetzungen die Handelswege beeinträchtigten und die anhaltende Münzverschlechterung den Handel deutlich hemmte. Dennoch gelang es D., sich zu behaupten. Im Vergleich mit anderen Leinwandhändlern, z.B. aus Zittau und Bautzen, konnte seine Firma sogar ihre Position ausbauen, und nach dem Krieg war sie zum größten Leinwandexporteur der gesamten Oberlausitz aufgestiegen. Möglich war diese Entwicklung durch eine konsequente Pflege der kaufmännischen Netzwerke, wodurch das Handelsunternehmen im kleinen Oberlausitzer Landstädtchen u.a. mit Kaufleuten in Hamburg, Amsterdam, London, Cádiz sowie in Curaçao, Cartagena oder Buenos Aires in Verbindung stand. Darüber hinaus dürfte die Firma auch davon profitiert haben, dass die Herrnhuter Missionare in Übersee Kontakte zu Kaufleuten und Plantagenbesitzern herstellten, was einen deutlichen Vorteil gegenüber anderen mitteleuropäischen Firmen bedeutete. – Welche Bedeutung D. für die Gemeine und für deren „Kramladen“ hatte, lässt sich daran ermessen, dass er aus einem verlustträchtigen und mit Schulden belasteten kleinen Landkrämerladen über mehr als 25 Jahre hinweg ein Handelshaus von europäischem Rang und mit Kontakten auch nach Übersee entwickelte, dessen Gewinne im Jahr vor seinem Tod einen Höchststand von annähernd 55.000 Talern erreicht hatten. Damit gehörte die Handlung Abraham Dürninger & Co unzweifelhaft zur ersten Gruppe europäischer Handelshäuser, die bereits weit vor dem Ausgreifen und der Durchsetzung der Industrialisierung Produkte herstellen und vertreiben konnte, die, aus der Oberlausitz kommend, für einen sich entwickelnden Weltmarkt bestimmt waren.



Q  Unitätsarchiv der Evangelischen Brüder-Unität, Dürninger-Archiv.

L  H. Hammer, Abraham D. Ein Herrnhuter Wirtschaftsmensch des achtzehnten Jahrhunderts, Berlin 1925; O. Uttendörfer, Alt-Herrnhut. Wirtschaftsgeschichte und Religionssoziologie Herrnhuts während seiner ersten zwanzig Jahre, Herrnhut 1925; ders., Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation Herrnhuts und der Brüdergemeine von 1743 bis zum Ende des Jahrhunderts, Herrnhut 1926; H. Wagner, Die Handlung Abraham Dürninger & Co. in Herrnhut in den Jahren 1747 bis 1833, Herrnhut 1933; ders., Abraham Dürninger & Co. 1747-1939. Ein Buch von Herrnhutischem Kaufmanns- und Unternehmertum, Herrnhut 1940; E. Dittrich, Abraham D., in: ders. (Hg.), Sächsische Lebensbilder, Bd. 3, Leipzig 1941, S. 92-109 (P); H. Homburg, Ein kaufmännisches Unternehmen in der Oberlausitz: Abraham Dürninger & Co., in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1996, H. 2, S. 199-223; Damit die Bruderliebe nicht aus dem Herzen falle. 250 Jahre Abraham Dürninger & Co. in Herrnhut 1747-1997, hrsg. von der Abraham-Dürninger-Stiftung, Herrnhut 1997 (P); R. Kröger, Abraham D. Ein Herrnhuter Kaufmann, Herrnhut 2006. – DBA II, III; DBE 2, S. 640; NDB 4, S. 172f.

P  Abraham D., J. G. Ziesenis, 1760, Öl auf Leinwand, Unitätsarchiv der Evangelischen Brüder-Unit, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Abteilung Deutsche Fotothek (Bildquelle).



Danny Weber
20.2.2009


Empfohlene Zitierweise:

Danny Weber, Dürninger, Abraham, in:
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi/ (22.7.2017)

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