Sächsische Biografie

29.03.2017 23546


Wolf, Paul


Architekt, Stadtplaner, Stadtbaurat, * 21.11.1879 Schrozberg/Württemberg, † 30.4.1957 Leonberg bei Stuttgart, Nürtingen, Waldfriedhof (ev.).


VLehrer; 1908 Elisabeth, geb. Koepsch (1887-1951); SHans-Dietrich.


Der als Stadtplaner bekannte W. war 40 Jahre in verantwortlicher Stellung in städtischen Baubehörden beschäftigt. 1922 bis 1945 leitete er als Stadtbaurat das kommunale Bauwesen in Dresden. Mit seinen Bebauungs- und Siedlungsplänen und mit den von ihm entworfenen Schulen, Wohnhäusern und technischen Versorgungseinrichtungen prägte er das moderne Dresden der 1920er- und 1930er-Jahre. W. diente als loyaler Beamter vier politischen Systemen. Seine Arbeit als Städtebauer war sowohl im Kaiserreich und in der Weimarer Republik als auch im Dritten Reich und in der DDR gefragt. – W. absolvierte 1897 bis 1901 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Stuttgart, wobei ihn der 1901 nach Stuttgart berufene Theodor Fischer stark beeinflusste. Erste praktische Erfahrungen sammelte er im Stuttgarter Architekturbüro von Carl Hengerer, in der Königlichen Domänen-Direktion Stuttgart und im Königlichen Bezirksbauamt Esslingen. Nachdem er die zweite Staatsprüfung bestanden hatte, übernahm er 1905 eine Stelle in der Marine-Garnison-Bauverwaltung in Kiel. Im Jahr darauf wechselte er nach Kattowitz (poln. Katowice) in Oberschlesien, wo er in das Stadtbauamt eintrat und am Neubau des Stadttheaters mitwirkte. 1907 wurde er zum leitenden Baubeamten der Stadt Wilhelmshaven gewählt. W. installierte in der 1869 gegründeten Stadt eine vorbildliche Bauverwaltung und entwarf verschiedene öffentliche Gebäude. Obwohl er zum vollberechtigten Magistratsmitglied ernannt worden war, verließ er Wilhelmshaven 1910, um in der aufstrebenden Großstadt Berlin im Stadtteil Schöneberg die Stelle eines Stadtbauinspektors und städtebautechnischen Dezernenten anzutreten. W. stellte Bebauungspläne für das Stadtgebiet Schönebergs auf. Er gestaltete den Platz vor dem Schöneberger Rathaus (heute John-F.-Kennedy-Platz) und den Schöneberger Stadtpark (heute Rudolf-Wilde-Park). Obgleich er erst 34 Jahre alt war und nur wenige Bauten errichtet hatte, wurde er im Mai 1914 zum Stadtbaurat und Magistratsmitglied in Hannover berufen. Diese Stelle war mit großem Einfluss verbunden, doch konnte W. unter den Kriegsbedingungen nur wenige Entwürfe realisieren. Dazu gehörten das Hindenburgstadion und die Bürgerschule in Hannover-Kleefeld. Um die Wohnungsnot zu lindern, entwickelte er Bebauungs- und Siedlungspläne für genossenschaftliche Kleinhaussiedlungen, darunter für die Gartenstadt Laatzen. 1922 bewarb sich W. um die Nachfolge des Dresdner Stadtbaurats Hans Poelzig, der 1920 nach Berlin gegangen war. Da W. aufgrund seiner fachlichen Kenntnisse die Dresdner Stadtverordnetenversammlung überzeugen konnte, wurde er im Mai 1922 im zweiten Wahlgang zum Stadtbaurat und Leiter des städtischen Hochbauamts gewählt. – W. trug mit seinen Bauten und seinen städtebaulichen Planungen dazu bei, dass sich Dresden zu einer modernen Großstadt entwickelte. Er engagierte sich für den Wohnungsbau und für die Entwicklung eines städtischen Grünsystems. Die Bauten, die W. zusammen mit seinem Planungsstab errichtete, darunter das Studentenhaus Mommsenstraße (1924-1926), das Kraftwerk Mitte (1926-1928), das Sachsenbad (1927-1929), den Straßenbahnhof Friedrichstadt (1926-1928) und das Stadtkrankenhaus Dresden-Johannstadt (1927-1930), zeichnen sich durch sachliche Einfachheit aus. W. nahm eine vermittelnde Position zwischen dem avantgardistischen „Neuen Bauen“ und der konservativen „Stuttgarter Schule“ ein. Er wollte im Geist der Gegenwart Neues gestalten, aber dabei nicht auf die Erfahrungen vergangener Bauepochen verzichten. Besonderen Wert legte er darauf, die Gebäude in Masse und Rhythmus in das Stadt- und Landschaftsbild einzufügen. Das Kesselhaus des Kraftwerks Mitte (2006 abgerissen) setzte er aus kubischen, in der Höhe gestaffelten Blöcken zusammen, die eine monumentale Großform bildeten. Mit der einheitlich roten Backsteinverkleidung fügte er den Neubau in die ältere Kraftwerksanlage ein. In der Dresdner Innenstadt legte W. die Illgen-Kampfbahn und das Georg-Arnhold-Bad an. Unter seiner Oberbauleitung wurden die Stadterweiterungsgebiete Trachau und Gruna erschlossen. Im Rahmen des städtischen Wohnungsbauprogramms gegen die Wohnungsnot entwarf er Siedlungen in Löbtau und Prohlis und den bemerkenswerten, durch seine dominante Eckgestaltung überzeugenden Wohnblock in der Wormser Straße (1930). Die 1928 begonnene Knabenberufsschule Altstadt wurde erst 1934 als Horst-Wessel-Schule eingeweiht. – Der konservativ und national gesinnte W. begrüßte die nationalsozialistische „Machtergreifung“. Er konnte seine städtebaulichen Planungen nach 1933 ungehindert fortsetzen, zumal er der NSDAP beigetreten war. Allerdings ließen sich nur noch wenige seiner Entwürfe ausführen. Die Umgestaltung des Königsufers in Dresden-Neustadt (1933-1938) fand bei der Bevölkerung großen Anklang. W. entwickelte eine weiträumige Landschaftsgestaltung, die als Grünzug mit Promenadenwegen und Gärten das Elbufer begleitet. 1938 veröffentlichte er einen Plan zur Umgestaltung der Dresdner Innenstadt, der eine Reihe von Straßendurchbrüchen vorsah, um begrünte Promenaden anlegen zu können. Mit dem Abriss von Hinterhäusern begann die geplante Sanierung des Altstadtgebiets. Im Zweiten Weltkrieg war W. für den Ausbau der Luftschutzanlagen in Dresden zuständig. Zu den Entwürfen, die er vorlegte, gehörte ein Siedlungsschema für den „deutschen Ostraum“. – Der sehr produktive W. legte seine Gedanken zum Städtebau in Büchern und Aufsätzen dar. Bis 1945 verfasste er etwa 150 Beiträge, die in Architekturzeitschriften abgedruckt wurden. W., dessen Haus in der Comeniusstraße am 13.2.1945 durch einen Bombentreffer ausbrannte, wurde im März 1945 in den Ruhestand versetzt. – Nach der Besetzung Dresdens durch die Rote Armee versuchte W., der trotz seiner hohen Stellung in der nationalsozialistischen Stadtverwaltung Dresdens nicht weiter belangt wurde, einen Neuanfang als freier Architekt. Er legte verschiedene Wiederaufbaupläne vor, ohne aber größere Aufträge zu erhalten. 1950 wurde er als Oberreferent für Stadtplanung in das Ministerium für Aufbau der DDR berufen. W. lebte seitdem in Berlin-Lichtenberg. 1952 trat er im Alter von 72 Jahren abermals in den Ruhestand. Der Architekt und Stadtplaner starb 1957 auf einer Reise nach Württemberg.


W  Schriften: Städtebau. Das Formproblem der Stadt in Vergangenheit und Zukunft, Leipzig 1919, Hannover/Berlin1922; Wohnung und Siedlung, Berlin 1926; Dresdner Arbeiten, Berlin 1927; Neuzeitlicher Schulbau, Hannover 1930; Das neue Sachsen, Hellerau 1930; Werk - Paul W. Dr. Ing. e. h. Stadtbaurat Dresden, Hannover 1931; Bauwerke und Parkanlagen: Stadtpark Berlin-Schöneberg; Hindenburgstadion Hannover-Kleefeld; Bürgerschule Hannover-Kleefeld; Studentenhaus Mommsenstraße Dresden, 1924-1926; Kraftwerk Mitte Dresden, 1926-1928; Straßenbahnhof Dresden-Friedrichstadt, 1926-1928; Sachsenbad Dresden, 1927-1929; Stadtkrankenhaus Dresden-Johannstadt, 1927-1930; Illgen-Kampfbahn Dresden; Georg-Arnhold-Bad Dresden; Königsufer Dresden-Neustadt, Umgestaltung, 1933-1938.

L  F. Löffler, Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, Leipzig 1981; E. Benz-Rababah, Leben und Werk des Städtebauers Paul W. (1879-1957) unter besonderer Berücksichtigung seiner 1914-22 entstandenen Siedlungsentwürfe für Hannover, Diss. Hannover 1991 [MS]; U. Grötzsch, Paul W. - Stadtbaurat in Dresden 1922 bis 1945, Magisterarbeit TU Dresden 2000 [MS]; Paul W. - Stadtbaurat in Dresden 1922-1945, hrsg. vom Deutschen Werkbund Sachsen e.V., Ausstellungskatalog Dresden 2001. – DBA II; Thieme/Becker, Bd. 36, Leipzig 1999, S. 215.

Matthias Donath
3.5.2012
Empfohlene Zitierweise:

Matthias Donath, Wolf, Paul,  in:
Sächsische Biografie, herausgegeben vom
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.,
wissenschaftliche Leitung: Martina Schattkowsky,
Online-Ausgabe: http://www.isgv.de/saebi (29.03.2017)